Why always me?

Spät. Viel zu spät. Oder grade rechtzeitig. Und dabei sowieso zeitlos:

final mittel

Why Always Me – Reflecting Photography
Fotografien von Julia Meindl

Eine Fremde, die eindringt, um zu sehen,
Festzuhalten, mitzunehmen.
Das Zücken des Apparats.
Aktion und Reaktion.
Interaktion.
Nehmen und Geben.
Aufmerksamkeit, eine Stimme,
Einen Platz an der Wand in meinem Heimatland.

Hier gehts zum Ausstellungskatalog…

(Und falls jemand weiße Wände kennen sollte, würd ich mich freuen die Bilder noch einmal zu hängen, noch einmal zeigen zu dürfen.)

Christmas Contemplation Contribution

Concentrate to contemplate
consider, commit, comply,
cooperate and coordinate,
to contribute,
communicate,
commemorate!

How are you, calls the small girl in the pink pyjama when rushing to work.
Her sleepy small eyes filled with big dreams and hope.

I´m fine! But I don´t have time…

… to concentrate, to contemplate
consider, commit, comply,
cooperate and coordinate,
to contribute,
communicate.
But when will we commemorate!

One Cedi, one Cedi, one Cedi, 5 Thousand, goes the fish lady.
I smile at her. No fish for me. She smiles at me. Her smile is for free.

Money for fish. Smile for smile. Just stop for a while…

… to concentrate, to contemplate
consider, commit, comply,
cooperate and coordinate,
to contribute,
communicate.
What else should we commemorate?

to be continued…

Über Druck und Drücke

Über den Druck zum Aus-Druck der Ein-Drücke.

Der Wind hat sich gedreht, die Wippe ist umgekippt, der Gipfel liegt schon hinter mir und ich werde beim Abstieg immer nur noch schneller und schneller.

Die Zeit rennt. Ich renne mit.
Der Druck steigt. Ich lass mich drücken.

„Make the most of it“, höre ich oft, wenn es um Auslandserfahrungen geht. Das Meiste? Es ist doch eh schon so viel! Ich versuche ein bisschen zu bremsen, halte mich an die deutsche Variante und mach lieber das Beste draus. Aber auch so überschlagen sich die Ereignisse, die Möglichkeiten, die Eindrücke. Und der Druck steigt.

Mein Projekt muss fertig werden, ich wollte doch Trommeln lernen, meine Twi-Kenntnisse sind mangelhaft und ich war noch immer nicht in Kokrobite. Doch die Wochen verfliegen, die Institutsferien nahen, der Strand wartet, Weihnachten steht vor der Tür, eine Motorradtour ist geplant, der Volta-See will erkundet werden, das Jahr geht zuneige und das neue Jahr ruft mich schon bald zurück nach Hause.

Und dann ist da noch dieser Druck, ein Druck zum Aus-Druck der Ein-Drücke.

Ich sehe, ich fühle, ich denke, ich sammle – in Windeseile, bei jedem Schritt.

Und ich freue mich über euer Interesse und eure Aufmerksamkeit. Doch so gern ich euch daran teilhaben lassen würde, ich habe mich dem Druck entsagt.

Pause.

Habt Verständnis. Aufgeschoben, nicht aufgehoben, denn die Geschichten sollen nicht vergessen sein.

Nur soll er vorerst wen anders drücken, dieser Druck!

Auf bald und in Gedanken, eine wunderbare Zeit…

An African Election

Schon lange wollte ich euch von der politischen Situation Ghanas und dessen Rolle in Westafrika berichten. Seit einer Woche liegt nun eine Notfall-Kontaktliste der Deutschen Botschaft auf meinem Schreibtisch. Morgen sind die Wahlen und es ist allerhöchste Zeit euch ein bisschen an der derzeitigen Stimmung in Accra teilhaben zu lassen.

Politik. Demokratie. Korruption. Ein heikles Thema. Alle, die die beeindruckende Dokumentation „An African Election“ von den Brüdern Merz über die letzten Wahlen in Ghana kennen, haben vielleicht eine leise Ahnung wovon ich spreche.

Um die wichtigsten Hintergrundinfos zu skizzieren:
Wie in vielen afrikanischen Ländern sind auch die Parteien in Ghana zum größten Teil immer noch an Ethnien geknüpft. Die Parteien NPP (New Patriotic Party) und NDC (New Democratic Congress) sind die zwei größten Parteien, die seit Jahren abwechselnd mit einer absoluten Mehrheit das Land regieren. Dabei besteht die Wählerschaft der NPP vor allem aus Akan aus der Ashanti-Region, die der Geschichte nach hauptsächlich Handel betrieben haben. Die NPP ist daher die Partei der reicheren, gebildeteren Schicht. Die NDC hingegen, die vom ehemaligen Diktator und anschließenden Präsidenten Jerry Rawlings gegründet worden ist, gilt als Volkspartei, seit Rawlings zum Ärgernis der Handel betreibenden Akan Essen an die Bevölkerung verteilte um den Hunger zu bekämpfen. (Zur ambivalenten Person Rawlings soll zumindest kurz erwähnt werden, dass er ursprünglich durch einen Coup an die Macht gekommen ist. Während der darauffolgenden Jahre hat er viele Regime-Gegner grausam umbringen lassen, bevor er den Weg für eine Demokratie freimachte, um dann als Präsident wieder an die Spitze gewählt zu werden. Er hat bis heute einen unglaublichen Einfluss auf die Bevölkerung Ghanas).

Es geht also hin und her zwischen NPP und NDC. Die Wahlprogramme sind nicht großartig unterschiedlich. Aber die Diskussionen sind heiß. Jeder hat eine feste Meinung dazu. Und es ist erstaunlich, dass in Ghana wirklich jeder eine Meinung in Sachen Politik zu haben scheint, egal ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, ob Akan oder Ewe. Diese Meinung wird oft lautstark vertreten, wobei die Diskussionen wahrscheinlich eher dazu da sind seinen Standpunkt kundzutun, als zu einer Einigung zu kommen. So tobte die Köchin der kleinen Bush-Canteen gestern aufgebracht in Twi. „It is possible“, fügte sie nachdrücklich hinzu. „It´s not possible!“, schrie ein junger Mann verärgert zurück. „We have to start somewhere“, waren ihre Worte, die ich zwischen dem Wasserfall an unverständlichen Twi-Sätzen daraufhin vernehmen konnte. Auf die Frage warum sie streiten fingen beide an zu lachen. Es ginge nur um Politik. Und so schnell die Situation sich aufgeschaukelt hatte, hat sie sich auch wieder entspannt.

„We Ghanaians are a stubborn people. But we are afraid of danger.“ hatte eine Freundin mal gesagt. Natürlich gibt es auch in dieser Gesellschaft ein gewisses Gewaltpotential und leider gibt es hier durchaus auch organisierte gewaltbereite Gruppen, um Leute einzuschüchtern und Wahlentscheidungen zu beeinflussen, aber wie ich die Ghanaer bisher kennen lernen durfte liegen meist Welten zwischen einer verbalen und einer physischen Auseinandersetzung. Außerdem scheinen Ghanaer nicht nur Angst vor Gefahren zu haben, sondern sich der Rolle Ghanas als friedliches und politisch stabiles Vorbild für Westafrika durchaus bewusst zu sein. „We have the peace our brothers and sisters in other countries are craving for. Why risk it?“, heißt es auf einem Plakat, das ich heute morgen im Vorbeifahren gelesen habe.

Es wurde so viel über die Wahlen diskutiert, an Fairness der Politiker, an Geduld und Ruhe der Bevölkerung appelliert. Die Stimmung ist angespannt. Niemand weiß wie der morgige Wahltag und die darauffolgende Auszählung der Stimmen ablaufen wird. Aus Sicherheitsgründen rät die Botschaft daher das Haus nicht zu verlassen. Ich werde der Situation aus dem Weg gehen, werde dem Trubel der Stadt entfliehen und das Wochenende beim Klettern und Campen auf dem Land verbringen.

Nichtsdestotrotz glaube ich an Ghana, an die Menschlichkeit und einen weiteren wichtigen Schritt nach Vorne.

Des Urlaubs erster Teil

Aus Highlife wird Haleluja. Ein abrupter Wechsel. Die Regler auf Anschlag dröhnt nun Kirchengejubel durch die dunklen Straßen, denn die Trauergesellschaft hat entschieden, dass es plötzlich Zeit zur Besinnung ist. Willkommen zurück in Ghana, denke ich mir bei dem Lärm. Ich muss aufpassen. Je länger man in einem fremden Land wohnt, desto zynischer scheint man zu werden. Deswegen nutze ich die Gunst der Stunde lieber um mich ebenfalls zu besinnen und die vielen Ereignisse der letzten Wochen zu reflektieren.

Mit „Jeder Schritt ist ein weiterer Schritt auf meinem Weg nach Hause“ zitierte ich Tom Waits vor einiger Zeit. Wo ist aber dieses zu Hause für einen Heimatlosen wie mich? Heimatlos? Kwame Anthony Appiah spricht vom Zukunftskonzept der „rooted cosmopolitans“, der verwurzelten Weltbürger, was natürlich viel moderner klingt, oder meine ich postmoderner?

Doch Weltbürger, Nomade oder Heimatloser, die letzte Zeit hat mich wieder einmal gelehrt, dass zu Hause da ist, wo ich selbst bin, gedacht, gefühlt und/oder gelebt. Damit wird jeder Schritt zu einem weiteren Schritt auf dem Weg zu sich selbst. Einem Selbst, das auszieht, um wiederzukommen, das seine Komfortzone verlässt, um sich in Frage zu stellen, das sich öffnet, um das Fremde hereinzulassen und das sich verliert, um sich immer wieder neu finden und erfinden zu können.

Zwei ostafrikanische Länder in drei Wochen, 7 (!) Flugstrecken, zwei neue Sprachen, eine Woche kulturweit-Seminar. Wenn ich daran denke bin ich immer noch ganz geflasht.

Zwei ostafrikanische Länder in drei Wochen, so viele inspirierende Begegnungen, bereichernde Erfahrungen und unendlich viel Glück. Wenn ich mich daran erinnere sehe ich mich auf der Sonnenseite des Lebens tanzen.

Ein alter Freund hat mich einst Glückskind genannt. Damals habe ich vergeblich nach meinem Lächeln gesucht, hätte mich am liebsten auf den Boden geworfen, um mit den Fäusten aufs feuchte Gras zu hämmern. Dass ich ihm heute Recht geben muss, hat nur bedingt mit meinem derzeitigen Höhenflug zu tun. Vielmehr geht es um die Erkenntnis, dass das Lächeln überall auf der Straße liegt, dass es keine Sprachen kennt und überall gleich viel wert ist.

Ich will mein Glück durch meine Worte nicht überstrapazieren, will mich nicht rühmen. Ich will es nur anerkennen und euch das Lächeln zeigen. Denn ich fühle mich glücklich und bestärkt, in dem was ich denke, durch das was ich sehe, in dem was ich tue durch das was ich erleben darf.

Na gut, das mit dem Fliegen muss ich noch üben. So hätte ich fast jeden der vielen Flüge durch unterschiedliche Umstände beinahe verpasst. Doch ich hatte Glück. So auch mit den Freunden von Freunden, mit denen ich durch Zufall einen kulturell vollgepackten Transit-Tag in Nairobi verbringe. Erst nachts komme ich im ungeahnt kalten Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens an und schlüpfe zu Pia ins Bett. Über die gegenseitige Anwesenheit erfreut, schlafen wir erst Stunden später nach langen Gesprächen ein. Der kommende Tag bringt einen entspannten Stadtspaziergang mit ersten äthiopischen Eindrücken von Eseln, Schuhputzern, bettelnden Kindern und blauen Taxis, ein traditionelles Injera-Abendessen in guter Gesellschaft und einen Reiseplan für die kommende Woche mit sich. Am nächsten Morgen sitzen wir dann schon sehr früh in einem Bus Richtung Norden, für den wir ohne Samis Hilfe wahrscheinlich nie das richtige Ticket unter hunderten, hinter Gittern hervorrufenden Verkäufern gefunden hätten. Bei einer langsamen 10 Stunden-Fahrt durch wunderschöne, fruchtbare Hügel- und Berglandschaften fällt mir auf, dass ich noch nie eine Straße mit so wenig anderen Autos, aber so vielen Fußgängern, Ziegen und Kühen befahren hatte. Es scheint, als sei das ganze Land auf Wanderschaft und das Bild des mit weißen Tüchern bekleideten Hirtens, einen Stock über beide Schultern gelegt, brennt sich tief in mein Gedächtnis ein. Bahir Dar heißt unsere nächste Station. Wir wollen hier Halt machen, uns die uralten Kloster auf kleinen Inseln eines großen Sees ansehen. Wir lassen uns Zeit, genießen die tollen Avocado-Säfte und den süßen Kaffee, lassen uns über die schlammigen Wege des Marktes treiben und sehen den Männern zu, wie sie sich liebevoll an den Händen halten, sich herzlich umarmen oder gar gegenseitig mit saurem Pfannkuchen füttern. Auf unserer Bootstour probieren wir Zuckerrohr. Beim Versuch die Rinde des langen Stocks nach Anweisung mit den Zähnen abzureißen, beißen wir uns fast die Zähne aus. In Ghana ist das einfacher auf dem Holz herumzukauen, wenn man auf vorgeschälte und geschnittene Stückchen beißt, um an den süßen Saft zu kommen und die trockenen Fasern wieder auszuspucken, aber ich will natürlich keine Vergleiche anstellen. Auch mit der legalen Volksdroge Chat werden wir nicht richtig warm. Furchtbar bitter schmecken die Blätter, die man stundenlang kauen muss, um die aufputschende Wirkung zu verspüren. Aber die damit einhergehende Einstellung des Amharischen „chigger yellem“, dem Pendant des Australischen „no worries“ oder des Suahelischen „hakuna matata“ haben wir auch so längst verinnerlicht, wenn wir wiedermal Stundenlang warten bis unser blauer Minibus bis zum allerletzten nur möglichen Platz besetzt ist, um uns dann weiter in den Norden des Landes zu bringen. „The foot that is restless will tread on a turd“, besagt ein Äthiopisches Sprichwort. Doch wir haben spontan ein neues Ziel gefasst und es treibt uns immer weiter zum UNESCO Weltnaturerbe der Simien Mountains. Dass es zeitlich und spontan alles nach unseren Wünschen klappt ist eigentlich unglaublich. Umso größer die Freude, als wir mit unserem Guide Afera und unserem bewaffneten Scout Uwe dann wirklich den ersten Blick über die atemberaubenden Vulkanspitzen schweifen lassen. Die nächsten drei Tage gehören nur uns, unseren Schritten und unserem Atem in der kalten Bergluft. Wir haben sie uns erkauft, durch die tagelange und beschwerliche Anreise, durch unsere Zeit und natürlich unser Geld. Hier in den Bergen sind wir Eindringlinge, die geführt werden müssen, wir sind Fremde, die versorgt werden müssen. Und doch sind wir mehr als nur Geld bringende Touristen. Wir sind Besucher, die willkommen geheißen werden. Wir sind Menschen, die sich Abends mit den Mulitreibern, den Köchen und Guides in die winzige, rauchige Küchenhütte ums Feuer quetschen, um uns zu wärmen und unsere Flasche Ouzo zu teilen. Wir sind Mädchen, die mit jungen Männern über das Leben und die Liebe philosophieren. Schade, dass die anderen „ferengis“ lieber für sich in ihren Zelten bleiben. So werden sie nicht erfahren, dass unser Scout Uwe der Meinung ist, dass ich mindestens 5 Kinder haben müsse, weil ich so groß bin. Wir haben viel gelacht und gelächelt, auch wenn wir die Nächte vor Kälte so gut wie schlaflos verbrachten, auch wenn Pia schon am Ende des ersten Tages von Höhenkrankheit heimgesucht wurde und die nächste Etappe auf dem Rücken eines Mulis bestreiten musste, auch wenn wir die barfuß laufenden Kinder immer wieder enttäuschen mussten, die selbst im Hagel wie aus dem nichts zusammenkamen, um mit selbstgeflochtenen Hüten und Souvenirs den Wegrand zu säumen.

Das kleine Mädchen hält eine frisch geborene Ziege unterm linken Arm. Schüchtern und doch stolz schaut sie mit großen Augen unter den umgehängten Decken und Tüchern hervor, zeigt uns das Ziegenbaby. Die Ziegenmama steht teilnahmslos daneben und sucht nach frischem Gras. Immer schon wohnt ihre Familie in einem der Dörfer hinter einem der Hügel. Nun sollen sie wahrscheinlich umgesiedelt werden. Der Grund: Sie wollen auch ein wenig Fortschritt, eine bessere Straße und Strom. Mit den Richtlinien der UNESCO ist das unvereinbar, aber der Status des Weltnaturerbes darf natürlich nicht riskiert werden. Tradition oder Fortschritt? Ich komme mir komisch vor. Viel zu laut prasselt der leichte Nieselregen auf die Supermembran meiner neuen Regenjacke. Dann unterbricht Afera die Stille. Auf Amharisch sagt er ein paar Worte zu dem Mädchen, klopft ihr liebevoll auf die Schulter und streichelt der Ziege über den Kopf. Lächelnd geht sie zurück zu den anderen Tieren ihrer Herde.

Und wir? Nach einer weiteren schlaflosen Nacht ist unser Ausflug früher als geplant vorbei und wir fahren früh morgens mit zwei anderen Deutschen zurück nach Gondar, dem Ausgangspunkt unserer Tour, da der für uns bestellte 4WD auf der Hinfahrt angeblich eine Panne hatte. Aus der bezahlten 3-Tages-Tour wird eine 2-Tages-Tour und wir dürfen uns unterwegs anhören, wie naiv es doch war die komplette Summe schon im Voraus zu bezahlen.

Dieser ewige Kampf zwischen Vertrauen und Misstrauen, die Erfahrungen zwischen Enttäuschung und Hoffnung. Ich bin froh, dass ich immer noch an das Gute in den Menschen glaube, auch wenn ich nun viel zu früh im Auto sitzen und mich ärgern muss. Was ist schon Geld? Uns geht es ums Prinzip, um den Umgang, die Wahrheit und um unsere verlorene Zeit. Also treffen wir uns abends mit Nega, dem Organisator der Tour. Nach ein paar Bier und offenen Worten bekommen wir eine Entschuldigung, ein Kompliment für unsere faire Verhandlungsweise, einen Teil unseres Geldes und sogar die Taxifahrt zum Flughafen für den nächsten Morgen. So gehen wir alle zufrieden und bestärkt aus der Situation, denn es hat sich wiedermal bewährt gutgläubig zu sein. Und ich meine gutgläubig, nicht blauäugig.

Zurück in Addis lassen wir die ereignisreiche Woche nach einer großen Räucherklamotten-Handwaschaktion bei Kaffee, Saft und Pizza zusammen mit Jonathan, einem lieben Freund von Pia ausklingen. Pia muss am nächsten Tag wieder zur Arbeit in den Kindergarten. Ich treffe mich daher noch einmal mit Jonathan, der mich nach einem schönen und intensiven Frühstücksgespräch schließlich zum Flughafen bringt. Ich schätze Pia, Pia schätzt Jonathan, ich schätze Jonathan. Schön, dass meine einfache Kettenrechnung in der Realität wiedermal Bestätigung findet. Schön, dass es gerade auf Reisen nicht viel als Basis für neue Bekanntschaften braucht. Und schön, dass es einem somit leicht gemacht wird, sich in der Welt zu Hause zu fühlen.

Life is simple. Und Äthiopien ist ein schönes Land.

 

 

 

 

 

 

 

Es ist Zeit

Wusstet ihr, dass man unreife Papayas wie Äpfel essen kann?

Eigentlich wollte ich endlich mal die vielen Anekdoten zum Besten geben, die sich in den letzten Monaten ereignet und angesammelt und das schwülheiße Leben in dieser insgesamt doch eher unattraktiven Stadt so viel bunter und vergnüglicher gemacht haben.

Nun ist aber wieder mal Lights out, Stromausfall, und die Laptopbatterie, ihr wisst schon.

Komisch ist das. Mein Rucksack steht gestriegelt und gepackt neben mir. Das Zimmer ist fast leer. Viel besitze ich hier ja auch nicht. Gestern Abend war ich noch beim Poetry Slam, danach haben wir getrunken und getanzt. Zu früher Stunde habe ich mich dann von ein paar Freunden verabschiedet. Verabschiedet für dreieinhalb Wochen!

Zeit nimmt hier einen anderen Stellenwert ein. Alles geht viel schneller, nichts ist von Dauer.

Alles ist in Bewegung.

Die Leute kommen und gehen, Freundschaften entstehen, vergehen.

Constant change and movement.

So sprießen die Verkaufsstände wie Pilze aus dem Boden, um tags darauf wieder leere Straßen zu hinterlassen. Das Stadtbild verändert sich, mit jedem Tag, die Menschen verändern sich, mit jeder Minute. Sie werden verschluckt, genau wie ich, um nach einiger Zeit wieder ausgespuckt zu werden. Oder auch nicht.

„Long time“, sagt meine Nachbarin. „Have you been travelling?“ – Nein. Aber heute Abend geht es los.

Wohin? Ich hab keine Ahnung. Zum Planen hatt ich keine Zeit. Was ist Zeit? Es ist Zeit! The time is now. Ich lebe im Jetzt. So sehr wie wahrscheinlich noch nie zuvor in meinem Leben. Mit wem? Mit Fremden, mit Bekannten, mit Freunden, mit Geliebten. Es sind doch alles Menschen…

Mit Bekannten verkehrt man, ab und zu und immer wieder. Mit Geliebten lebt man, ununterbrochen, zumindest in Gedanken, hab ich gelesen.

Jemand Geliebtes zu vermissen ist schlimm, dachte ich früher.
Jemand Geliebtes zu haben, den man vermissen kann, ist schön, dachte ich dann.
Heute denke ich, dass man Geliebte gar nicht zu vermissen braucht, da man sie in Gedanken immer bei sich haben kann. Man muss Erfahrungen nicht immer teilen, nicht immer mitteilen, um zu lieben, um zu leben.

Heute Ghana, morgen Kenia, übermorgen Äthiopien. So lebe ich mit mir für mich im Jetzt. Ich gehe meine Schritte, mit euch in Gedanken.

„If you get far enough away, you´ll be on your way back home“, sagt Tom Waits und ich spüre, dass jeder meiner Schritte ein weiterer Schritt auf meinem Weg nach Hause ist.

Wer seid ihr?

Ich mag die Abendstimmung, wenn es allmählich dunkel und ruhiger wird. Der Mond wacht schon hell über der Stadt und der Himmel färbt sich dunkelblau. Nur die Grillen sind noch laut und große Fledermäuse fliegen wie dunkle Schatten über unsere Köpfe. Hier und da lodern ein paar alleine gelassene Feuer, um die Straßen vom Abfall des Tages zu befreien und die Rauchschwaden mit den wenigen vorbeifahrenden Autos nach und nach in der ganzen Stadt zu verteilen.

Da kommen mir wieder mal die feinen Worte eines Freundes in den Sinn:

Fluss

Der Fluss des Tages Ver
Langsamt sich wohl
Wissend das Wei
Te Meer in der
Nähe

(Sebastian Botzler)

Nach einer weiteren vollgepackten Woche bin ich nun zu Hause angekommen. Das Wochenende steht bevor. Doch soweit bin ich mit meinen Gedanken noch nicht. Ich muss erst mal zur Ruhe kommen, lausche dem weiten Meer in der Nähe.

Eine meiner Liebsten fragte mich neulich, ob es etwas gibt, was nicht in meinen Berichten steht, was mich beschäftigt. Ja, es gibt unglaublich vieles was mich berührt, was an mir rüttelt, was mich beschäftigt, was nicht in meinen Berichten steht! Was sich hier findet ist lediglich ein kleiner Bruchteil, ein Flickenteppich von all dem. So bin ich stets mit einem kleinen Büchlein unterwegs, dessen Seiten sich in Windeseile mit allerlei Anmerkungen füllen, da sich die vielen Ereignisse, die Gefühle und die ein oder andere Erkenntnis im Kampf um meine Aufmerksamkeit gegenseitig zu schnell zu verdrängen drohen. Das Büchlein, ein treuer Begleiter, eine Gedächtnisstütze, ein Sammelsurium, eine Schatztruhe. Mir fehlen Zeit und Muse, um alle seine Inhalte zu vertiefen, gewisse Gedanken ja überhaupt erst mal zu Ende zu denken, bevor ich fürchte sie schon wieder vergessen zu haben.

Schließlich ist das womit ich mich beschäftige leider nicht immer gleichzusetzen mit dem was mich beschäftigt und das Leben ist ein akrobatischer Seiltanz zwischen Denken und Tun, eine Gratwanderung zwischen Erleben und Reflexion. Wenn ich zu viel Nachdenke, dann fällt mir auf, dass ich eigentlich Höhenangst habe, das Seil fängt zu schaukeln an und mein Schirmchen fällt mir aus der Hand. Denke ich hingegen zu wenig, so muss ich feststellen, dass ich bei meiner Gratwanderung immer schneller werde und bei überhasteten, unüberlegten Schritten leichter zum Stolpern komme.
Die Mischung machts.

So kommt es, dass ich diesen Freitagabend in meinem Zimmer verbringe, dass ich darüber nachdenke, was mich beschäftigt, dass ich blättere, dass ich schreibe, dass ich teile, dass ich mich mitteile. Ich schreibe die Ergebnisse nieder und stelle sie nackt und für jedermann zugänglich ins Internet. Ein persönlicher Verarbeitungsprozess in Form von öffentlicher Zurschaustellung meiner Gedanken und Gefühle. Irgendwie widerlich, vor allem weil es sich komischerweise nicht sonderlich falsch anfühlt.
Es ist ein bizarres Projekt, das ungeahnte Auswirkungen auf mein Empfinden, mein Erleben und meine Reflexion und unvorhersehbare Ausmaße und Dimensionen mit euch Lesern angenommen hat. Ich schreibe für mich, ich berichte für euch, ich teile mit euch, mit jedem, der möchte. Und jeder bekommt genau die gleiche Ration meiner Worte.

Stellte sich mir zu Beginn leise und unsicher die Frage, für wen meine Worte von Interesse sein könnten, so ist die Frage nach euch mittlerweile fast omnipräsent. Es beschäftigt mich wer wohl am anderen Ende dieser Leitung sitzt.

Wer seid ihr? Und was ist es was euch beschäftigt?

Wirklichkeit

Mit einer riesengroßen Schüssel geschnittenem Obst sitze ich im Dämmerlicht am Schreibtisch. Der Bildschirm ist dunkel um Strom zu sparen, da ich nicht weiß wann er wiederkommt. Der Moment fühlt sich besonders an, diese gezwungene Ruhe, die einsame Dunkelheit. Hatte ich mir für heute doch eigentlich ein paar lange aufgeschobene Dinge vorgenommen. Lights-out. Die Wäsche muss zwangsläufig bis morgen warten. Bleiben also ein freier Abend mit meinen Gedanken und der Wettlauf meiner Finger gegen die restliche Batterie meines Laptops.

Ich habe lange nicht mehr geschrieben. Das Leben hat mich verschluckt. Genau wie ich gerade genüsslich die Banane am Gaumen zerdrücke, geduldig die zarte Papaya auf der Zunge zergehen lasse oder freudig in ein Stück süß-saure Ananas beiße. Das Leben beißt zurück. Und ich bin irgendwie müde vom stetigen Versuch alles in mich aufzusaugen.

Schlucken und verschluckt werden.

Die Kunst kann sich nicht messen mit der Wirklichkeit, hat irgendjemand mal gesagt.

Doch wo ist die Wirklichkeit? So befinde ich mich in erster Linie auf der Suche nach der Wirklichkeit. Schließlich muss ich sie finden, sie erleben, um sie anschließend in meinen Gedanken, meinen Bildern reproduzieren zu können.

Was ist die Wirklichkeit?

Hier ist meine Wirklichkeit. Ich werde verschluckt.

Da ich mich schon erfolgreich an den Geräuschpegel meiner Nachbarschaft, an überlauten Reggae und Highlife gewöhnt habe, beginnt mein Tag für gewöhnlich erst mit der in der Tat angenehmen Weckermelodie meines Handys. Mühsam muss ich mich aus den Fängen der Matratze befreien, die mich Nacht für Nacht aufs Neue mit einer großen Kuhle zu verschlucken versucht. Gern würde ich nachgeben, mich gänzlich aufsaugen lassen, doch auch als Freiwilliger hat man gewisse Pflichten. So stehe ich wenig später am Straßenrand. Die Taxifahrer grüßen jeden Passanten mit einem freundlichen Hupkonzert. Dazwischen die vielen Trotros, aus dessen offenen Fenstern junge Kerle, genannt Mates, lauthals krächzend und gestikulierend den Takt angeben. Teshiteshiteshi-Nungua, Teshi-Nungua, La-La-Labadi-Labadi-La-La-Labadi-Labadi, Accra-Accra-Accra-Accra, Ari-Ari-Ari-Ari-Ariapap Cantonments. Das rostige Blaue ist meines. Der letzte Sitz wird quietschend aufgeklappt, ich spring hinein und die Tür wird geräuschvoll hinter mir zugezogen. Das Trotro hat mich verschluckt. Zusammen mit ungefähr 20 Anderen sitze ich in seinem blechernen Bauch. Der Mate streckt mir die Hand entgegen. 40 Pesewas kostet der Spaß. Ich frage mich ob dem alten umgebauten Transporter die lebendige Kost nicht gut bekommt, denn in seinem Magen geht es rund. Anhalten, Umklappen, Aussteigen, Umsteigen, Einsteigen, Aufklappen, Losfahren, Anhalten, Schulkinder, Erwachsene, Taschen, Körbe. Vielleicht ist es auch nur der abrupte Fahrstil. Ich schaue aus dem offenen Fenster. Der Fahrtwind schmeckt nach Großstadt, nach Abgasen. Möbel, Bügelbretter, Plastikeimer zieren den staubigen Straßenrand und verschwimmen zu bunten Mustern. Für genaue Beobachtungen ist das Tempo zu hoch. Es ist nicht mein Tempo, doch ich bin machtlos und gebe mich der Fahrt hin. An einer Anhöhe überholen wir einen Fahrradfahrer. Seine Erscheinung fesselt meinen Blick. Die Anzughose kombiniert er mit polierten Schuhen und einem traditionellen Batikhemd. Gebügelt und gestriegelt keucht er so mit einem rostigen Fahrrad im morgendlichen Verkehr den Berg hinauf. Doch mein persönliches Highlight an diesem Anblick ist das kleine Stoff-Schäfchen, das er als Rucksack auf dem Rücken trägt.

Wir sollten uns styletechnisch mal ein Beispiel an Ghana nehmen. Fancy oder Schlafanzug, Second Hand oder Maßgeschneidert, Tücher oder Anzug, hier sieht man alles auf den Straßen und meine subjektive Einschätzung sagt mir, dass diese oberflächlichen Äußerlichkeiten hier nicht annähernd die oberste Priorität bei zwischenmenschlichen Begegnungen haben. Es muss gepflegt und sauber sein, ja. Und da wunderte ich mich neulich wieder über strahlend weiße Gewänder auf staubtrockenen Feldwegen, nachdem ich mit einem braunen Streifen auf der Brust aus einem Taxi ausgestiegen bin. Der Gurt scheint nie benutzt zu worden zu sein.

Nach zwanzig Minuten im Trotro ist das Ziel erreicht. Wir werden ausgespuckt und verstreuen uns in alle Himmelsrichtungen. Mein Weg führt mich am Straßenrand an mehreren Kleinhändlern vorbei. Vielleicht noch eine Papaya für nachmittags? Die Frau kennt mich, fragt mich wie reif sie denn sein darf. Einen Cedi weniger in der Tasche laufe ich weiter. Die Luft ist drückend, die Sonne brennt, es wird ein heißer Tag und in diesem Moment freue ich mich auf das Schatten spendende Gemäuer meines Büros. Doch die Freude verfliegt zu schnell. Das Goethe-Institut hat mich kurz darauf wie jeden Tag fast schon gleichgültig verschluckt, um mich erst Stunden später pünktlich zur Dämmerung wieder auszuspucken. Ich wehre mich nicht, fühle mich ja auch nicht unwohl in seinem Inneren. Doch frage ich mich, was ist das für eine Wirklichkeit?

Vielleicht bekommt mir die klimatisierte Büroluft einfach nicht. Ich sitze am Schreibtisch, will raus, in die Hitze, auf die Märkte, mit den Kindern Fußball spielen, mit den Nachbarn auf der Straße sitzen, mit der Kamera auf Streifzug gehen… Das Leben findet doch draußen statt! Was bringt mir also die wöchentliche Twi-Stunde, wenn mir kaum Zeit bleibt, die neue Sprache anzuwenden? Und wann soll ich mich erholen, wenn ich die wenigen, ohnehin dunklen Abendstunden brauche, um meinen sozialen Akku wieder aufzuladen, die Wochenenden, um beim Klettern in der Natur die Abgase der Stadt aus den Lungenflügeln zu pusten?

Das Leben hat mich verschluckt.

Der Alltag zehrt an mir.

Die Suche nach der Wirklichkeit.

Wenn das Aufklappen und Umklappen der Trotro-Sitze längst zur Gewohnheit geworden ist, wenn mir wiedermal der Saft einer frisch aufgeschlagenen jungen Kokosnuss am Kinn herunter tropft, wenn ich die gefühlte tausendste Papaya aus ihrer Schale löffele, wenn ich mein Mittagessen nicht mehr im kleinen Hinterhofrestaurant, sondern im Bretterverschlag neben der Straße einnehme, wenn der Abend in guter Gesellschaft mit einem Glas Rotwein geendet und der neue Tag mit einem Morgenlauf am Strand begonnen hat, dann wage ich zu behaupten, dass ich gut angekommen bin.

Aber ich bin hungrig nach mehr davon, nach Tageslicht, nach Abwechslung, nach anderen Wirklichkeiten neben meiner Leuchtstoffröhren-Computer-Aircondition-Wirklichkeit…

Es wäre wahrscheinlich dreist euch an diesem Punkt zu erzählen, dass ich schon bald zum kulturweit-Zwischenseminar nach Nairobi fliege, auf dem Hinweg für eine Woche in Äthiopien Halt mache, um meine liebste Pia zu besuchen und mich nach dem Seminar noch eine Woche alleine durch Kenia treiben lassen…

Beschwerden auf höchstem Niveau, I know. Doch ich hasse es mir eingestehen zu müssen, dass ich tagsüber manchmal vergesse, wo ich gerade bin. Außerdem soll zur Erklärung gesagt sein, dass ich Ghana jetzt schon fest in mein Herz geschlossen habe und dass dieses Land und seine wunderbaren Menschen mehr Aufmerksamkeit verdienen, als ich ihnen momentan geben kann…

Nneka

Die Luft ist angenehm kühl. Wie dünne, seidene Schleier liegen die Wolken in der Luft. Sie verhüllen den Mond, erhellen fleckenweise den tiefschwarzen Himmel der Nacht. Die Atmosphäre auf dem Gelände der Alliance Française ist ungewohnt. Sie wirkt ruhig, gesittet, irgendwie fanzösisch. Die Leute stehen in kleinen Gruppen, unterhalten sich höflich, trinken Alkohol, versuchen sich für die Blicke der Anderen zu amüsieren. Im Hintergrund des Gemurmels läuft angenehmer Ambient Sound, der mich aus Ghana in sommerliche Nächte heimischer Welten versetzt.

Dann kommt sie auf die Bühne, klein und unscheinbar, dunkel gekleidet. Sie setzt sich ans Mikrofon, legt die Finger an die Saiten ihrer E-Gitarre, schließt die Augen. Man hört ihren Atem. Mit dem ersten Ton holt sie mich aus der Menge zu sich, zu ihrer Mother Afrika.

Also haltet endlich die Klappe und lauscht! Diese Frau hat etwas zu sagen.