Über Druck und Drücke

Über den Druck zum Aus-Druck der Ein-Drücke.

Der Wind hat sich gedreht, die Wippe ist umgekippt, der Gipfel liegt schon hinter mir und ich werde beim Abstieg immer nur noch schneller und schneller.

Die Zeit rennt. Ich renne mit.
Der Druck steigt. Ich lass mich drücken.

„Make the most of it“, höre ich oft, wenn es um Auslandserfahrungen geht. Das Meiste? Es ist doch eh schon so viel! Ich versuche ein bisschen zu bremsen, halte mich an die deutsche Variante und mach lieber das Beste draus. Aber auch so überschlagen sich die Ereignisse, die Möglichkeiten, die Eindrücke. Und der Druck steigt.

Mein Projekt muss fertig werden, ich wollte doch Trommeln lernen, meine Twi-Kenntnisse sind mangelhaft und ich war noch immer nicht in Kokrobite. Doch die Wochen verfliegen, die Institutsferien nahen, der Strand wartet, Weihnachten steht vor der Tür, eine Motorradtour ist geplant, der Volta-See will erkundet werden, das Jahr geht zuneige und das neue Jahr ruft mich schon bald zurück nach Hause.

Und dann ist da noch dieser Druck, ein Druck zum Aus-Druck der Ein-Drücke.

Ich sehe, ich fühle, ich denke, ich sammle – in Windeseile, bei jedem Schritt.

Und ich freue mich über euer Interesse und eure Aufmerksamkeit. Doch so gern ich euch daran teilhaben lassen würde, ich habe mich dem Druck entsagt.

Pause.

Habt Verständnis. Aufgeschoben, nicht aufgehoben, denn die Geschichten sollen nicht vergessen sein.

Nur soll er vorerst wen anders drücken, dieser Druck!

Auf bald und in Gedanken, eine wunderbare Zeit…

An African Election

Schon lange wollte ich euch von der politischen Situation Ghanas und dessen Rolle in Westafrika berichten. Seit einer Woche liegt nun eine Notfall-Kontaktliste der Deutschen Botschaft auf meinem Schreibtisch. Morgen sind die Wahlen und es ist allerhöchste Zeit euch ein bisschen an der derzeitigen Stimmung in Accra teilhaben zu lassen.

Politik. Demokratie. Korruption. Ein heikles Thema. Alle, die die beeindruckende Dokumentation „An African Election“ von den Brüdern Merz über die letzten Wahlen in Ghana kennen, haben vielleicht eine leise Ahnung wovon ich spreche.

Um die wichtigsten Hintergrundinfos zu skizzieren:
Wie in vielen afrikanischen Ländern sind auch die Parteien in Ghana zum größten Teil immer noch an Ethnien geknüpft. Die Parteien NPP (New Patriotic Party) und NDC (New Democratic Congress) sind die zwei größten Parteien, die seit Jahren abwechselnd mit einer absoluten Mehrheit das Land regieren. Dabei besteht die Wählerschaft der NPP vor allem aus Akan aus der Ashanti-Region, die der Geschichte nach hauptsächlich Handel betrieben haben. Die NPP ist daher die Partei der reicheren, gebildeteren Schicht. Die NDC hingegen, die vom ehemaligen Diktator und anschließenden Präsidenten Jerry Rawlings gegründet worden ist, gilt als Volkspartei, seit Rawlings zum Ärgernis der Handel betreibenden Akan Essen an die Bevölkerung verteilte um den Hunger zu bekämpfen. (Zur ambivalenten Person Rawlings soll zumindest kurz erwähnt werden, dass er ursprünglich durch einen Coup an die Macht gekommen ist. Während der darauffolgenden Jahre hat er viele Regime-Gegner grausam umbringen lassen, bevor er den Weg für eine Demokratie freimachte, um dann als Präsident wieder an die Spitze gewählt zu werden. Er hat bis heute einen unglaublichen Einfluss auf die Bevölkerung Ghanas).

Es geht also hin und her zwischen NPP und NDC. Die Wahlprogramme sind nicht großartig unterschiedlich. Aber die Diskussionen sind heiß. Jeder hat eine feste Meinung dazu. Und es ist erstaunlich, dass in Ghana wirklich jeder eine Meinung in Sachen Politik zu haben scheint, egal ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, ob Akan oder Ewe. Diese Meinung wird oft lautstark vertreten, wobei die Diskussionen wahrscheinlich eher dazu da sind seinen Standpunkt kundzutun, als zu einer Einigung zu kommen. So tobte die Köchin der kleinen Bush-Canteen gestern aufgebracht in Twi. „It is possible“, fügte sie nachdrücklich hinzu. „It´s not possible!“, schrie ein junger Mann verärgert zurück. „We have to start somewhere“, waren ihre Worte, die ich zwischen dem Wasserfall an unverständlichen Twi-Sätzen daraufhin vernehmen konnte. Auf die Frage warum sie streiten fingen beide an zu lachen. Es ginge nur um Politik. Und so schnell die Situation sich aufgeschaukelt hatte, hat sie sich auch wieder entspannt.

„We Ghanaians are a stubborn people. But we are afraid of danger.“ hatte eine Freundin mal gesagt. Natürlich gibt es auch in dieser Gesellschaft ein gewisses Gewaltpotential und leider gibt es hier durchaus auch organisierte gewaltbereite Gruppen, um Leute einzuschüchtern und Wahlentscheidungen zu beeinflussen, aber wie ich die Ghanaer bisher kennen lernen durfte liegen meist Welten zwischen einer verbalen und einer physischen Auseinandersetzung. Außerdem scheinen Ghanaer nicht nur Angst vor Gefahren zu haben, sondern sich der Rolle Ghanas als friedliches und politisch stabiles Vorbild für Westafrika durchaus bewusst zu sein. „We have the peace our brothers and sisters in other countries are craving for. Why risk it?“, heißt es auf einem Plakat, das ich heute morgen im Vorbeifahren gelesen habe.

Es wurde so viel über die Wahlen diskutiert, an Fairness der Politiker, an Geduld und Ruhe der Bevölkerung appelliert. Die Stimmung ist angespannt. Niemand weiß wie der morgige Wahltag und die darauffolgende Auszählung der Stimmen ablaufen wird. Aus Sicherheitsgründen rät die Botschaft daher das Haus nicht zu verlassen. Ich werde der Situation aus dem Weg gehen, werde dem Trubel der Stadt entfliehen und das Wochenende beim Klettern und Campen auf dem Land verbringen.

Nichtsdestotrotz glaube ich an Ghana, an die Menschlichkeit und einen weiteren wichtigen Schritt nach Vorne.