Des Urlaubs erster Teil

Aus Highlife wird Haleluja. Ein abrupter Wechsel. Die Regler auf Anschlag dröhnt nun Kirchengejubel durch die dunklen Straßen, denn die Trauergesellschaft hat entschieden, dass es plötzlich Zeit zur Besinnung ist. Willkommen zurück in Ghana, denke ich mir bei dem Lärm. Ich muss aufpassen. Je länger man in einem fremden Land wohnt, desto zynischer scheint man zu werden. Deswegen nutze ich die Gunst der Stunde lieber um mich ebenfalls zu besinnen und die vielen Ereignisse der letzten Wochen zu reflektieren.

Mit „Jeder Schritt ist ein weiterer Schritt auf meinem Weg nach Hause“ zitierte ich Tom Waits vor einiger Zeit. Wo ist aber dieses zu Hause für einen Heimatlosen wie mich? Heimatlos? Kwame Anthony Appiah spricht vom Zukunftskonzept der „rooted cosmopolitans“, der verwurzelten Weltbürger, was natürlich viel moderner klingt, oder meine ich postmoderner?

Doch Weltbürger, Nomade oder Heimatloser, die letzte Zeit hat mich wieder einmal gelehrt, dass zu Hause da ist, wo ich selbst bin, gedacht, gefühlt und/oder gelebt. Damit wird jeder Schritt zu einem weiteren Schritt auf dem Weg zu sich selbst. Einem Selbst, das auszieht, um wiederzukommen, das seine Komfortzone verlässt, um sich in Frage zu stellen, das sich öffnet, um das Fremde hereinzulassen und das sich verliert, um sich immer wieder neu finden und erfinden zu können.

Zwei ostafrikanische Länder in drei Wochen, 7 (!) Flugstrecken, zwei neue Sprachen, eine Woche kulturweit-Seminar. Wenn ich daran denke bin ich immer noch ganz geflasht.

Zwei ostafrikanische Länder in drei Wochen, so viele inspirierende Begegnungen, bereichernde Erfahrungen und unendlich viel Glück. Wenn ich mich daran erinnere sehe ich mich auf der Sonnenseite des Lebens tanzen.

Ein alter Freund hat mich einst Glückskind genannt. Damals habe ich vergeblich nach meinem Lächeln gesucht, hätte mich am liebsten auf den Boden geworfen, um mit den Fäusten aufs feuchte Gras zu hämmern. Dass ich ihm heute Recht geben muss, hat nur bedingt mit meinem derzeitigen Höhenflug zu tun. Vielmehr geht es um die Erkenntnis, dass das Lächeln überall auf der Straße liegt, dass es keine Sprachen kennt und überall gleich viel wert ist.

Ich will mein Glück durch meine Worte nicht überstrapazieren, will mich nicht rühmen. Ich will es nur anerkennen und euch das Lächeln zeigen. Denn ich fühle mich glücklich und bestärkt, in dem was ich denke, durch das was ich sehe, in dem was ich tue durch das was ich erleben darf.

Na gut, das mit dem Fliegen muss ich noch üben. So hätte ich fast jeden der vielen Flüge durch unterschiedliche Umstände beinahe verpasst. Doch ich hatte Glück. So auch mit den Freunden von Freunden, mit denen ich durch Zufall einen kulturell vollgepackten Transit-Tag in Nairobi verbringe. Erst nachts komme ich im ungeahnt kalten Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens an und schlüpfe zu Pia ins Bett. Über die gegenseitige Anwesenheit erfreut, schlafen wir erst Stunden später nach langen Gesprächen ein. Der kommende Tag bringt einen entspannten Stadtspaziergang mit ersten äthiopischen Eindrücken von Eseln, Schuhputzern, bettelnden Kindern und blauen Taxis, ein traditionelles Injera-Abendessen in guter Gesellschaft und einen Reiseplan für die kommende Woche mit sich. Am nächsten Morgen sitzen wir dann schon sehr früh in einem Bus Richtung Norden, für den wir ohne Samis Hilfe wahrscheinlich nie das richtige Ticket unter hunderten, hinter Gittern hervorrufenden Verkäufern gefunden hätten. Bei einer langsamen 10 Stunden-Fahrt durch wunderschöne, fruchtbare Hügel- und Berglandschaften fällt mir auf, dass ich noch nie eine Straße mit so wenig anderen Autos, aber so vielen Fußgängern, Ziegen und Kühen befahren hatte. Es scheint, als sei das ganze Land auf Wanderschaft und das Bild des mit weißen Tüchern bekleideten Hirtens, einen Stock über beide Schultern gelegt, brennt sich tief in mein Gedächtnis ein. Bahir Dar heißt unsere nächste Station. Wir wollen hier Halt machen, uns die uralten Kloster auf kleinen Inseln eines großen Sees ansehen. Wir lassen uns Zeit, genießen die tollen Avocado-Säfte und den süßen Kaffee, lassen uns über die schlammigen Wege des Marktes treiben und sehen den Männern zu, wie sie sich liebevoll an den Händen halten, sich herzlich umarmen oder gar gegenseitig mit saurem Pfannkuchen füttern. Auf unserer Bootstour probieren wir Zuckerrohr. Beim Versuch die Rinde des langen Stocks nach Anweisung mit den Zähnen abzureißen, beißen wir uns fast die Zähne aus. In Ghana ist das einfacher auf dem Holz herumzukauen, wenn man auf vorgeschälte und geschnittene Stückchen beißt, um an den süßen Saft zu kommen und die trockenen Fasern wieder auszuspucken, aber ich will natürlich keine Vergleiche anstellen. Auch mit der legalen Volksdroge Chat werden wir nicht richtig warm. Furchtbar bitter schmecken die Blätter, die man stundenlang kauen muss, um die aufputschende Wirkung zu verspüren. Aber die damit einhergehende Einstellung des Amharischen „chigger yellem“, dem Pendant des Australischen „no worries“ oder des Suahelischen „hakuna matata“ haben wir auch so längst verinnerlicht, wenn wir wiedermal Stundenlang warten bis unser blauer Minibus bis zum allerletzten nur möglichen Platz besetzt ist, um uns dann weiter in den Norden des Landes zu bringen. „The foot that is restless will tread on a turd“, besagt ein Äthiopisches Sprichwort. Doch wir haben spontan ein neues Ziel gefasst und es treibt uns immer weiter zum UNESCO Weltnaturerbe der Simien Mountains. Dass es zeitlich und spontan alles nach unseren Wünschen klappt ist eigentlich unglaublich. Umso größer die Freude, als wir mit unserem Guide Afera und unserem bewaffneten Scout Uwe dann wirklich den ersten Blick über die atemberaubenden Vulkanspitzen schweifen lassen. Die nächsten drei Tage gehören nur uns, unseren Schritten und unserem Atem in der kalten Bergluft. Wir haben sie uns erkauft, durch die tagelange und beschwerliche Anreise, durch unsere Zeit und natürlich unser Geld. Hier in den Bergen sind wir Eindringlinge, die geführt werden müssen, wir sind Fremde, die versorgt werden müssen. Und doch sind wir mehr als nur Geld bringende Touristen. Wir sind Besucher, die willkommen geheißen werden. Wir sind Menschen, die sich Abends mit den Mulitreibern, den Köchen und Guides in die winzige, rauchige Küchenhütte ums Feuer quetschen, um uns zu wärmen und unsere Flasche Ouzo zu teilen. Wir sind Mädchen, die mit jungen Männern über das Leben und die Liebe philosophieren. Schade, dass die anderen „ferengis“ lieber für sich in ihren Zelten bleiben. So werden sie nicht erfahren, dass unser Scout Uwe der Meinung ist, dass ich mindestens 5 Kinder haben müsse, weil ich so groß bin. Wir haben viel gelacht und gelächelt, auch wenn wir die Nächte vor Kälte so gut wie schlaflos verbrachten, auch wenn Pia schon am Ende des ersten Tages von Höhenkrankheit heimgesucht wurde und die nächste Etappe auf dem Rücken eines Mulis bestreiten musste, auch wenn wir die barfuß laufenden Kinder immer wieder enttäuschen mussten, die selbst im Hagel wie aus dem nichts zusammenkamen, um mit selbstgeflochtenen Hüten und Souvenirs den Wegrand zu säumen.

Das kleine Mädchen hält eine frisch geborene Ziege unterm linken Arm. Schüchtern und doch stolz schaut sie mit großen Augen unter den umgehängten Decken und Tüchern hervor, zeigt uns das Ziegenbaby. Die Ziegenmama steht teilnahmslos daneben und sucht nach frischem Gras. Immer schon wohnt ihre Familie in einem der Dörfer hinter einem der Hügel. Nun sollen sie wahrscheinlich umgesiedelt werden. Der Grund: Sie wollen auch ein wenig Fortschritt, eine bessere Straße und Strom. Mit den Richtlinien der UNESCO ist das unvereinbar, aber der Status des Weltnaturerbes darf natürlich nicht riskiert werden. Tradition oder Fortschritt? Ich komme mir komisch vor. Viel zu laut prasselt der leichte Nieselregen auf die Supermembran meiner neuen Regenjacke. Dann unterbricht Afera die Stille. Auf Amharisch sagt er ein paar Worte zu dem Mädchen, klopft ihr liebevoll auf die Schulter und streichelt der Ziege über den Kopf. Lächelnd geht sie zurück zu den anderen Tieren ihrer Herde.

Und wir? Nach einer weiteren schlaflosen Nacht ist unser Ausflug früher als geplant vorbei und wir fahren früh morgens mit zwei anderen Deutschen zurück nach Gondar, dem Ausgangspunkt unserer Tour, da der für uns bestellte 4WD auf der Hinfahrt angeblich eine Panne hatte. Aus der bezahlten 3-Tages-Tour wird eine 2-Tages-Tour und wir dürfen uns unterwegs anhören, wie naiv es doch war die komplette Summe schon im Voraus zu bezahlen.

Dieser ewige Kampf zwischen Vertrauen und Misstrauen, die Erfahrungen zwischen Enttäuschung und Hoffnung. Ich bin froh, dass ich immer noch an das Gute in den Menschen glaube, auch wenn ich nun viel zu früh im Auto sitzen und mich ärgern muss. Was ist schon Geld? Uns geht es ums Prinzip, um den Umgang, die Wahrheit und um unsere verlorene Zeit. Also treffen wir uns abends mit Nega, dem Organisator der Tour. Nach ein paar Bier und offenen Worten bekommen wir eine Entschuldigung, ein Kompliment für unsere faire Verhandlungsweise, einen Teil unseres Geldes und sogar die Taxifahrt zum Flughafen für den nächsten Morgen. So gehen wir alle zufrieden und bestärkt aus der Situation, denn es hat sich wiedermal bewährt gutgläubig zu sein. Und ich meine gutgläubig, nicht blauäugig.

Zurück in Addis lassen wir die ereignisreiche Woche nach einer großen Räucherklamotten-Handwaschaktion bei Kaffee, Saft und Pizza zusammen mit Jonathan, einem lieben Freund von Pia ausklingen. Pia muss am nächsten Tag wieder zur Arbeit in den Kindergarten. Ich treffe mich daher noch einmal mit Jonathan, der mich nach einem schönen und intensiven Frühstücksgespräch schließlich zum Flughafen bringt. Ich schätze Pia, Pia schätzt Jonathan, ich schätze Jonathan. Schön, dass meine einfache Kettenrechnung in der Realität wiedermal Bestätigung findet. Schön, dass es gerade auf Reisen nicht viel als Basis für neue Bekanntschaften braucht. Und schön, dass es einem somit leicht gemacht wird, sich in der Welt zu Hause zu fühlen.

Life is simple. Und Äthiopien ist ein schönes Land.

 

 

 

 

 

 

 

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