Wer seid ihr?

Ich mag die Abendstimmung, wenn es allmählich dunkel und ruhiger wird. Der Mond wacht schon hell über der Stadt und der Himmel färbt sich dunkelblau. Nur die Grillen sind noch laut und große Fledermäuse fliegen wie dunkle Schatten über unsere Köpfe. Hier und da lodern ein paar alleine gelassene Feuer, um die Straßen vom Abfall des Tages zu befreien und die Rauchschwaden mit den wenigen vorbeifahrenden Autos nach und nach in der ganzen Stadt zu verteilen.

Da kommen mir wieder mal die feinen Worte eines Freundes in den Sinn:

Fluss

Der Fluss des Tages Ver
Langsamt sich wohl
Wissend das Wei
Te Meer in der
Nähe

(Sebastian Botzler)

Nach einer weiteren vollgepackten Woche bin ich nun zu Hause angekommen. Das Wochenende steht bevor. Doch soweit bin ich mit meinen Gedanken noch nicht. Ich muss erst mal zur Ruhe kommen, lausche dem weiten Meer in der Nähe.

Eine meiner Liebsten fragte mich neulich, ob es etwas gibt, was nicht in meinen Berichten steht, was mich beschäftigt. Ja, es gibt unglaublich vieles was mich berührt, was an mir rüttelt, was mich beschäftigt, was nicht in meinen Berichten steht! Was sich hier findet ist lediglich ein kleiner Bruchteil, ein Flickenteppich von all dem. So bin ich stets mit einem kleinen Büchlein unterwegs, dessen Seiten sich in Windeseile mit allerlei Anmerkungen füllen, da sich die vielen Ereignisse, die Gefühle und die ein oder andere Erkenntnis im Kampf um meine Aufmerksamkeit gegenseitig zu schnell zu verdrängen drohen. Das Büchlein, ein treuer Begleiter, eine Gedächtnisstütze, ein Sammelsurium, eine Schatztruhe. Mir fehlen Zeit und Muse, um alle seine Inhalte zu vertiefen, gewisse Gedanken ja überhaupt erst mal zu Ende zu denken, bevor ich fürchte sie schon wieder vergessen zu haben.

Schließlich ist das womit ich mich beschäftige leider nicht immer gleichzusetzen mit dem was mich beschäftigt und das Leben ist ein akrobatischer Seiltanz zwischen Denken und Tun, eine Gratwanderung zwischen Erleben und Reflexion. Wenn ich zu viel Nachdenke, dann fällt mir auf, dass ich eigentlich Höhenangst habe, das Seil fängt zu schaukeln an und mein Schirmchen fällt mir aus der Hand. Denke ich hingegen zu wenig, so muss ich feststellen, dass ich bei meiner Gratwanderung immer schneller werde und bei überhasteten, unüberlegten Schritten leichter zum Stolpern komme.
Die Mischung machts.

So kommt es, dass ich diesen Freitagabend in meinem Zimmer verbringe, dass ich darüber nachdenke, was mich beschäftigt, dass ich blättere, dass ich schreibe, dass ich teile, dass ich mich mitteile. Ich schreibe die Ergebnisse nieder und stelle sie nackt und für jedermann zugänglich ins Internet. Ein persönlicher Verarbeitungsprozess in Form von öffentlicher Zurschaustellung meiner Gedanken und Gefühle. Irgendwie widerlich, vor allem weil es sich komischerweise nicht sonderlich falsch anfühlt.
Es ist ein bizarres Projekt, das ungeahnte Auswirkungen auf mein Empfinden, mein Erleben und meine Reflexion und unvorhersehbare Ausmaße und Dimensionen mit euch Lesern angenommen hat. Ich schreibe für mich, ich berichte für euch, ich teile mit euch, mit jedem, der möchte. Und jeder bekommt genau die gleiche Ration meiner Worte.

Stellte sich mir zu Beginn leise und unsicher die Frage, für wen meine Worte von Interesse sein könnten, so ist die Frage nach euch mittlerweile fast omnipräsent. Es beschäftigt mich wer wohl am anderen Ende dieser Leitung sitzt.

Wer seid ihr? Und was ist es was euch beschäftigt?

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2 Gedanken zu „Wer seid ihr?

  1. Hallo Julia,
    ich hab eben mal „kurz“ auf Deiner Homepage gelesen. Da kann man ja garnicht aufhören… Wennich das so lies, dann wär ich heute auch nochmal gerne in Deinem Alter. Heute hat man ja viel mehr Möglichkeiten als zu meiner Zeit, wobei 10 Monate Au-Pair (damals…) in Frankerich auch schon was war. Neid kommt aber keiner auf. Rudi und ich stillen unser Fernweh inzwischen mit „altersgerechten“ Reisen. Ich wünsch Dir weiterhin alles Gute, viele wunderbare Erlebisse und besonders Gesundheit!! Genies deine Zeit in Ghana.
    Regina

  2. ahoi auf alle meere…
    mich beschäftigt dich beschäftigt das was uns beschäftigt sind wir selbst im ewigen kreislauf zwischen weggehen & wiederkommen. gekommen um zu lernen, dass besitz uns seßhaft macht, auch träge. nur im loslassen & weiterziehen sind wir auf dem pfad, der die erfahrung in die mitte rückt. unausweichliche umwege dienen oft der besseren ortskenntnisse in der umgebung, jedoch führt der rote faden stetig sehnsüchtig dorthin, wohin? zum horizont. wellen tragen seinen schimmer, auf ewig horizontenwanderung.
    in liebe durch die weite damit die ferne nah und das nahe fern,
    bedeutungen in auflösung, begrifflichkeit befreit
    denn einzig nur das herz ist frei
    auf bald wann bald ist meer
    kus.s*

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