Wirklichkeit

Mit einer riesengroßen Schüssel geschnittenem Obst sitze ich im Dämmerlicht am Schreibtisch. Der Bildschirm ist dunkel um Strom zu sparen, da ich nicht weiß wann er wiederkommt. Der Moment fühlt sich besonders an, diese gezwungene Ruhe, die einsame Dunkelheit. Hatte ich mir für heute doch eigentlich ein paar lange aufgeschobene Dinge vorgenommen. Lights-out. Die Wäsche muss zwangsläufig bis morgen warten. Bleiben also ein freier Abend mit meinen Gedanken und der Wettlauf meiner Finger gegen die restliche Batterie meines Laptops.

Ich habe lange nicht mehr geschrieben. Das Leben hat mich verschluckt. Genau wie ich gerade genüsslich die Banane am Gaumen zerdrücke, geduldig die zarte Papaya auf der Zunge zergehen lasse oder freudig in ein Stück süß-saure Ananas beiße. Das Leben beißt zurück. Und ich bin irgendwie müde vom stetigen Versuch alles in mich aufzusaugen.

Schlucken und verschluckt werden.

Die Kunst kann sich nicht messen mit der Wirklichkeit, hat irgendjemand mal gesagt.

Doch wo ist die Wirklichkeit? So befinde ich mich in erster Linie auf der Suche nach der Wirklichkeit. Schließlich muss ich sie finden, sie erleben, um sie anschließend in meinen Gedanken, meinen Bildern reproduzieren zu können.

Was ist die Wirklichkeit?

Hier ist meine Wirklichkeit. Ich werde verschluckt.

Da ich mich schon erfolgreich an den Geräuschpegel meiner Nachbarschaft, an überlauten Reggae und Highlife gewöhnt habe, beginnt mein Tag für gewöhnlich erst mit der in der Tat angenehmen Weckermelodie meines Handys. Mühsam muss ich mich aus den Fängen der Matratze befreien, die mich Nacht für Nacht aufs Neue mit einer großen Kuhle zu verschlucken versucht. Gern würde ich nachgeben, mich gänzlich aufsaugen lassen, doch auch als Freiwilliger hat man gewisse Pflichten. So stehe ich wenig später am Straßenrand. Die Taxifahrer grüßen jeden Passanten mit einem freundlichen Hupkonzert. Dazwischen die vielen Trotros, aus dessen offenen Fenstern junge Kerle, genannt Mates, lauthals krächzend und gestikulierend den Takt angeben. Teshiteshiteshi-Nungua, Teshi-Nungua, La-La-Labadi-Labadi-La-La-Labadi-Labadi, Accra-Accra-Accra-Accra, Ari-Ari-Ari-Ari-Ariapap Cantonments. Das rostige Blaue ist meines. Der letzte Sitz wird quietschend aufgeklappt, ich spring hinein und die Tür wird geräuschvoll hinter mir zugezogen. Das Trotro hat mich verschluckt. Zusammen mit ungefähr 20 Anderen sitze ich in seinem blechernen Bauch. Der Mate streckt mir die Hand entgegen. 40 Pesewas kostet der Spaß. Ich frage mich ob dem alten umgebauten Transporter die lebendige Kost nicht gut bekommt, denn in seinem Magen geht es rund. Anhalten, Umklappen, Aussteigen, Umsteigen, Einsteigen, Aufklappen, Losfahren, Anhalten, Schulkinder, Erwachsene, Taschen, Körbe. Vielleicht ist es auch nur der abrupte Fahrstil. Ich schaue aus dem offenen Fenster. Der Fahrtwind schmeckt nach Großstadt, nach Abgasen. Möbel, Bügelbretter, Plastikeimer zieren den staubigen Straßenrand und verschwimmen zu bunten Mustern. Für genaue Beobachtungen ist das Tempo zu hoch. Es ist nicht mein Tempo, doch ich bin machtlos und gebe mich der Fahrt hin. An einer Anhöhe überholen wir einen Fahrradfahrer. Seine Erscheinung fesselt meinen Blick. Die Anzughose kombiniert er mit polierten Schuhen und einem traditionellen Batikhemd. Gebügelt und gestriegelt keucht er so mit einem rostigen Fahrrad im morgendlichen Verkehr den Berg hinauf. Doch mein persönliches Highlight an diesem Anblick ist das kleine Stoff-Schäfchen, das er als Rucksack auf dem Rücken trägt.

Wir sollten uns styletechnisch mal ein Beispiel an Ghana nehmen. Fancy oder Schlafanzug, Second Hand oder Maßgeschneidert, Tücher oder Anzug, hier sieht man alles auf den Straßen und meine subjektive Einschätzung sagt mir, dass diese oberflächlichen Äußerlichkeiten hier nicht annähernd die oberste Priorität bei zwischenmenschlichen Begegnungen haben. Es muss gepflegt und sauber sein, ja. Und da wunderte ich mich neulich wieder über strahlend weiße Gewänder auf staubtrockenen Feldwegen, nachdem ich mit einem braunen Streifen auf der Brust aus einem Taxi ausgestiegen bin. Der Gurt scheint nie benutzt zu worden zu sein.

Nach zwanzig Minuten im Trotro ist das Ziel erreicht. Wir werden ausgespuckt und verstreuen uns in alle Himmelsrichtungen. Mein Weg führt mich am Straßenrand an mehreren Kleinhändlern vorbei. Vielleicht noch eine Papaya für nachmittags? Die Frau kennt mich, fragt mich wie reif sie denn sein darf. Einen Cedi weniger in der Tasche laufe ich weiter. Die Luft ist drückend, die Sonne brennt, es wird ein heißer Tag und in diesem Moment freue ich mich auf das Schatten spendende Gemäuer meines Büros. Doch die Freude verfliegt zu schnell. Das Goethe-Institut hat mich kurz darauf wie jeden Tag fast schon gleichgültig verschluckt, um mich erst Stunden später pünktlich zur Dämmerung wieder auszuspucken. Ich wehre mich nicht, fühle mich ja auch nicht unwohl in seinem Inneren. Doch frage ich mich, was ist das für eine Wirklichkeit?

Vielleicht bekommt mir die klimatisierte Büroluft einfach nicht. Ich sitze am Schreibtisch, will raus, in die Hitze, auf die Märkte, mit den Kindern Fußball spielen, mit den Nachbarn auf der Straße sitzen, mit der Kamera auf Streifzug gehen… Das Leben findet doch draußen statt! Was bringt mir also die wöchentliche Twi-Stunde, wenn mir kaum Zeit bleibt, die neue Sprache anzuwenden? Und wann soll ich mich erholen, wenn ich die wenigen, ohnehin dunklen Abendstunden brauche, um meinen sozialen Akku wieder aufzuladen, die Wochenenden, um beim Klettern in der Natur die Abgase der Stadt aus den Lungenflügeln zu pusten?

Das Leben hat mich verschluckt.

Der Alltag zehrt an mir.

Die Suche nach der Wirklichkeit.

Wenn das Aufklappen und Umklappen der Trotro-Sitze längst zur Gewohnheit geworden ist, wenn mir wiedermal der Saft einer frisch aufgeschlagenen jungen Kokosnuss am Kinn herunter tropft, wenn ich die gefühlte tausendste Papaya aus ihrer Schale löffele, wenn ich mein Mittagessen nicht mehr im kleinen Hinterhofrestaurant, sondern im Bretterverschlag neben der Straße einnehme, wenn der Abend in guter Gesellschaft mit einem Glas Rotwein geendet und der neue Tag mit einem Morgenlauf am Strand begonnen hat, dann wage ich zu behaupten, dass ich gut angekommen bin.

Aber ich bin hungrig nach mehr davon, nach Tageslicht, nach Abwechslung, nach anderen Wirklichkeiten neben meiner Leuchtstoffröhren-Computer-Aircondition-Wirklichkeit…

Es wäre wahrscheinlich dreist euch an diesem Punkt zu erzählen, dass ich schon bald zum kulturweit-Zwischenseminar nach Nairobi fliege, auf dem Hinweg für eine Woche in Äthiopien Halt mache, um meine liebste Pia zu besuchen und mich nach dem Seminar noch eine Woche alleine durch Kenia treiben lassen…

Beschwerden auf höchstem Niveau, I know. Doch ich hasse es mir eingestehen zu müssen, dass ich tagsüber manchmal vergesse, wo ich gerade bin. Außerdem soll zur Erklärung gesagt sein, dass ich Ghana jetzt schon fest in mein Herz geschlossen habe und dass dieses Land und seine wunderbaren Menschen mehr Aufmerksamkeit verdienen, als ich ihnen momentan geben kann…

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