Wochenendbericht

Das Wochenende ist vorüber, die Woche ist in vollem Gange und ich komme in diesem Alltag überhaupt nicht mit der Berichterstattung der sich in Windeseile anhäufenden Ereignisse hinterher. Deshalb muss der kostbare Schlaf nun ein bisschen zurückstecken, denn so kommt mein Geist ohnehin nicht zur Ruhe. Um an meinen letzten Worten anzuknüpfen hier also der Bericht der vergangenen Tage.

Nachdem die Malaria mit diversen Medikamenten, viel Schlaf und Ruhe glücklicherweise recht schnell zu bändigen war, entschied ich mich dafür am Samstagmorgen doch mit den Kletterleuten zum Mount Buruku am Lake Volta aufzubrechen. Das Tagesziel: einen 60 Meter hohen Felsen bezwingen. Die Schwierigkeit: die Haken müssen beim Vorstieg erst im Fels platziert werden und der Aufstieg bedarf mehrerer Seillängen. Im Kampf gegen das limitierte Tageslicht und die unglaublich schlechten Straßenbedingungen sind wir deshalb schon um 4 Uhr morgens aufgebrochen. Hätte ich vorher gewusst was schlechte Straße zu bedeuten hat, hätte ich mir die Entscheidung wahrscheinlich nochmal überlegt. So saß ich also mit Bauchkrämpfen, den Nachwehen der Malaria, eingespreitzt im Rücksitz des Pick-Ups und zählte die Minuten, als wir mit Höchstgeschwindigkeit stundenlang über tiefe Schlaglöcher und fiese Bodenwellen dahinflogen. Als die Straße irgendwann besser wurde und die Sonne aufging, wurde mir die Schönheit der umliegenden Landschaft bewusst. Links und rechts ragt der dichte und tiefgrüne Regenwald bis an den Straßenrand. Nur die auffällig vielen Bauruinen in den dünn besiedelten Gegenden durchbrechen das romantische Bild der Natur immer wieder. Es sei ein Problem der ghanaischen Gesetzgebung. Das vom jeweiligen Chief zugeteilte und verpachtete Land kann nach gewisser Zeit ohne Nutzung nämlich wieder aberkannt werden, es sei denn man bebaut oder bewirtschaftet das Land. Da sich viele Familien eine Bewirtschaftung aber nicht leisten können, hat diese Regelung zur Folge, dass viele Leute ihr Land mit dem letzten verfügbaren Geld zumindest mit unfertigen Häusern bebauen, um es gegen die Enteignung zu schützen. Dass die Preise für Baumaterialien in den letzten Jahren enorm in die Höhe gestiegen sind und die Bauruinen nach einigen Jahren wieder verfallen, scheint von wenig Relevanz zu sein und der gute Gedanke hinter dieser Regelung geht in der Praxis leider verloren.

Ich schüttele den Kopf und lasse die Gedanken kreisen, während mein in die Ferne gerichteter Blick immer wieder an einem der grauen Betonklötze inmitten des saftigen Grüns hängen bleibt.

Da wird das Auto langsamer, Polizeikontrolle. Ziad und Danielle stoßen einen Seufzer aus. Als Autofahrer sind das gewöhnt und kennen das Prozedere. Sie sind genauso weiß wie ich. Wegen Speeding fordert der Polizist ein Bußgeld von 500 Ghana Cedis (ca. 200 Euro). Wir wissen nicht, ob die angezeigte Geschwindigkeit auf seinem Radargerät wirklich an unserem Auto gemessen worden ist. Ziad steigt aus dem Auto aus, sucht seinen Führerschein in einer Tasche im Kofferraum. Er diskutiert mit den Polizisten, wir versuchen zu lauschen, beobachten die angeregte Diskussion. Nach 10 Minuten scheint die Situation geklärt, der Polizist mit einem Schmiergeld von 25 Ghana Cedis befriedigt. Wieder unterwegs höre ich mir unzählige Geschichten von korrupten Verkehrspolizisten an. Bei den Leuten die neu in Ghana sind dauert es manchmal ein bisschen länger, bis sie verstanden haben, dass der Polizist sie gar nicht mit auf die Wache nehmen möchte, sondern auf unauffällig zugestecktes Schmiergeld wartet. Weiß man Bescheid, so muss man anscheinend nur noch geschickt über die Höhe dessen zu verhandeln wissen.

Für manche von euch mögen diese Erzählungen weniger überraschend sein. Schließlich ist es keine Seltenheit, dass sich viele Leute aus Ländern des globalen Südens irgendwie bereichern wollen und auf ihr Stück des Kuchens zu bestehen versuchen. So wie ich Ghana bisher kennen lernen durfte, haben mich diese Erfahrungsberichte jedoch schon überrascht. Beim allerersten Kauf einer Wasserflasche gab ich nach kurzer, erfolgloser Verhandlung auf , zahlte 1,50 Cedis und nahm mir vor beim nächsten Mal etwas beharrlicher zu sein, um wenig später festzustellen, dass die Flasche immer ca. 1,50 Cedis kostet, egal ob Tourist oder nicht. Genauso mit Lebensmitteln, mit Früchten auf der Straße, mit Taxifahrten, nur Souvenirs scheinen ausgenommen. Aus Asien bin ich dahingehend ganz Anderes gewöhnt.

Aber zurück zum Wochenende. Am Mount Buruku angekommen lag eine einstündige Wanderung durch die dichtbewachsene Steppe vor uns. Ohne jeglichen Pfad stiegen wir also kreuz und quer durch hohes Grasland den Berg hinauf bis wir oben vor einer atemberaubenden Felsensäule ankamen. Ich war mir bis dahin immernoch unsicher, ob ich mir die Kletterei kräftemäßig zutrauen kann oder nicht. Und das ist das Wunderbare an diesen verrückten und liebevollen Leuten: Sie geben mir Rückenstärkung, pushen mich an meine Grenzen oder versichern mir mich einfach am Seil hochzuziehen, wenns nicht mehr gehen sollte. So standen wir einige Stunden später mit sieben Mann glücklich und kaputt auf Mount Buruku und genossen den Ausblick auf den darunterliegenden Volta-Stausee, bis einer nach dem anderen dann rückwärts über die Kante stieg, um sich selbständig aus 60 Metern Höhe wieder abzuseilen. Hier nochmal das Thema Rückenstärkung. Hätten Michael und Ziad nicht für mich gepfiffen und gesungen, hätte ich mir dabei wahrscheinlich ordentlich in die Hosen gemacht. Don´t worry, be happy… Unten angekommen war ich happy, unglaublich happy, über den festen Boden unter meinen Füßen, über meine wiedererlangte Gesundheit, über die guten Leute, über meine Leistung, über den Ausblick, über den ereignisreichen Tag inmitten der unberührten Natur!

Da wir mit unserer Zeitkalkulation deutlich daneben lagen, war dann auch der Abstieg zu den Autos am Straßenrand in der Dämmerung noch spannend. Schweigend liefen wir bei zunehmender Dunkelheit hintereinander her. Vom Wald verschluckt, vom Mondlicht geleitet, vernab von der Zivilisation, begleitet von den Geräuschen der Natur, den Melodien der Zirkaden…

Nach einem feinen Abendessen und einer Übernachtung im Matratzenlagerstyle bei Nathan, einem weiteren Mitglied der Klettertruppe, brachen wir am nächsten Morgen zu einem anderen Kletterspot direkt am Ufer des Volta auf. Auch diese Fahrt war holprig, führte uns über abenteuerliche Schotterpisten durch kleine Dörfer hindurch. Danielle und ich amüsierten uns über das große Aufgebot an African Wildlife in Ghana. Die kleinen dicken Ziegen sind auch wirklich überall! Nach ausführlichen Beobachtungen konnten wir festhalten, dass ihr Lebensinhalt darin besteht, sich auf Steine zu stellen, mögen diese auch noch so klein sein. Danielles Rückschluss zu dem Thema war, dass jeder von uns wohl ein bisschen Ziege in sich trüge, schließlich sind wir in unserer Freizeit die ganze Zeit nur am Klettern. Auch wenn die Ziegen noch so witzig sind, ich will keine Ziege sein und entschied mich an diesem Tag gegen das Klettern für einen ausgiebigen Spaziergang durch die Gegend und die umliegenden Dörfer. Neben vielen weiteren Ziegenbegegnungen hatte ich dadurch auch diverse lustige Begegnungen mit ein paar Ghanaern. Einen von ihnen fragte ich nach etwas zu Essen, da mir von einem guten Egg-Sandwich berichtet worden ist. Er führte mich zu einer der Frauen im Dorf und wollte mir einen Leib Brot verkaufen. Ich versuchte zu erklären, dass ich gerne jetzt eine Kleinigkeit essen würde, da ich ein bisschen Hunger hatte, nur eine Scheibe Brot vielleicht. Beim Wort Hunger strich er mir über den Bauch und sagte aufgeregt, dass ich ja unglaublich Hunger haben müsste, dass ich unbedingt ganz schnell etwas essen sollte. Er war lustigerweise sichtlich besorgt. Ein Anderer wollte mich überzeugen mich doch bitte in einen seiner Freunde zu verlieben. Der Ring an meinem Finger und der dazu erfundene Verlobte schien ihn wenig zu interessieren. Eine Toilettenfrau an der Raststätte auf dem Rückweg hingegen fragte mich tatsächlich zweimal, ob ich wirklich ein Mädchen sei, als ich in Michaels überdimensionalem T-Shirt auf die Frauentoilette zuging.

Um meine Weiblichkeit zu verteidigen sei gesagt, dass ich vor ein paar Wochen beim Friseur war. Es war ein netter junger Mann aus meiner Straße, der stundenlang mit einem Rasierapparat an meinem Kopf beschäftigt war und mit Stolz erklärte, dass Profis auch ohne Schere zurechtkämen. Die Haare wurden also immer kürzer und kürzer. Nachdem ich selbst nochmal einige Ecken und Kanten mit der Nagelschere geglättet hatte, erschrak ich bei jedem Blick in den Spiegel aufs Neue über die kahl rasierte Gefängnisfrisur, doch das Feedback von außen war sehr positiv. Sogar auf der Straße werde ich auf meine Haare angesprochen. You look so African, sagen sie mir und ich freue mich regelmäßig über den praktischen Aspekt kurzer Haare, wenn wir wiedermal kein fließend Wasser haben.

Um das zurückliegende Wochenende abzurunden will ich euch nicht vorenthalten, dass eines der beiden Autos beim Rückweg letztlich ohne Warnung überhitzte und wegen eines defekten Zylinders liegen blieb. Nach Stunden der Warterei und kurzem Check eines Mechanikers quetschten wir uns schließlich wie ein lebendiges Puzzle zu siebt in den Pick-Up, drehten die Musik auf und fuhren im Dunkeln die unglaublich schlechte und holprige Strecke zurück nach Accra…

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