Der Fluss der Dinge

Kennt ihr das, wenn man von ungewollten Gedanken heimgesucht wird, wenn sich Gedanken immer und immer wieder im Kreise drehen, man diese am liebsten aus dem Gedächtnis verbannen würde und verzweifelt versucht sich skurriler Weise das eigene Denken zu verbieten?
Ich glaube die monotone Arbeit am Fließband in Australien hat mich gelehrt, dass es nichts bringt sich seiner eigenen Gedanken zu verschließen. So haben alle Gedanken, ob gut oder schlecht, ob sinnvoll oder lächerlich, fröhlich oder deprimierend irgendwo ihre kleine Daseinsberechtigung. Sie werden gedacht, denn sie wollen gehört werden. Wie man letztendlich mit ihnen weiter verfährt, wie man mit den jeweiligen Situationen, Schwierigkeiten, Entscheidungen umgeht ist eine andere Frage. Aber in erster Linie muss man lernen sich selbst zuzuhören. Man muss die Gedanken manchmal kreisen lassen bis ihnen schwindelig wird. Lässt man ihnen freien Lauf, hört man auf an ihnen festzuhalten, sich auf sie zu konzentrieren, so verlieren sie schnell den Spaß daran einem das Leben zu erschweren und verschwinden meist von ganz alleine.

So komme ich also in Accra an, stelle fest, dass die Stadt riesig ist und weitaus weniger westlichen Einfluss hat als vermutet, ich wünschte mir, dass ich ein Auto besäße, um ihr zumindest am Wochenende leichter zu entkommen, ich erfahre, dass man sich bestimmte Waren üblicherweise von verreisten Kollegen und Freunden aus Europa mitbringen lässt, ziehe in ein Haus mit zwei anderen Deutschen, die zufälligerweise auch noch im selben Gebäude arbeiten, ich habe wenig bis nichts Sinnvolles oder Herausforderndes in der Arbeit zu tun, komme meist in der Dunkelheit nach Hause in ein Viertel, in dem außer uns kein anderer Obruni zu finden ist, ich stelle fest, dass die Ghanaer um mich herum abweichende Vorstellungen von Freizeitgestaltung haben, höre, dass Ghana nicht grundlos zu den weniger touristischen Ländern der Subsahara gehört und meine Gedanken fangen unweigerlich zu kreisen an.

Was ist mit Thoreau? Warum ist er gerade so fern von mir? Ich hätte nie gedacht, dass ich, der sich auf sämtlichen Reisen bisher immer zu hundertundzehn Prozent, fast etwas waghalsig und teils ein bisschen naiv den unterschiedlichen Kulturen hingegeben hat, jemals so denken könnte. Auf Reisen. Hierin liegt wahrscheinlich der entscheidende Unterschied. Muss man einen Alltag bewältigen, so hat man beispielsweise gar keine Zeit sich tagsüber durch den Markt treiben zu lassen, um lokale Lebensmittel zu studieren und zu kaufen, sondern man ist leider hin und wieder auf die langen Öffnungszeiten der vereinzelten, völlig überteuerten Supermärkte mit Importware angewiesen…

Beim kulturweit-Bewerbungsprozess hatte man mir die drei Städte Accra, Nairobi und Johannesburg zur Auswahl gestellt, von denen die Megastadt Nairobi nicht nur in einem touristisch hochgelobten Land liegt, sondern im Gegensatz zum Informationszentrum in Accra auch über eine große Zweigstelle des DAAD verfügt, was sich gegen meinen Willen recht schnell zu einem Bild romantischer Safariwochenenden und toller beruflicher Weiterbildungsmöglichkeiten in meinem Kopf verfestigte. Warum also Accra, wie kam ich eigentlich auf Accra??

Die erste Woche im Büro war geschafft und mit zunehmenden Treiben auf den Straßen kündigte sich das Wochenende an. Durch laute Trommeln und Luftschüsse trieb es uns am Samstagvormittag hinaus auf den kleinen Platz am Ende unserer Straße, wo über Nacht ein paar Pavillons und einige hundert Stühle aufgebaut worden sind. Die Leute sind auf unterschiedliche Weise und jede Gruppe für sich wahnsinnig aufwendig und einzigartig gekleidet. Wir werden an die Hand genommen, sollen uns setzen, denn bald geht es los. Es ist eine Zusammenkunft der Stämme der Ga-Volksgruppe, um die vielen einzelnen Feste des Homowo, des Erntedanks abzurunden. Auch der König der Ga wird anwesend sein und das Programmheft kündigt überdies den Ghanaischen Präsidenten John Mahama an, und das alles direkt vor unserer Haustüre im Ghetto von Osu! Über mehrere Stunden hinweg werden Ansprachen gehalten, es wird gegrüßt, geehrt, getrommelt, getanzt, geschenkt. Mahama wird entschuldigt, er sei auf Dienstreise außerhalb des Landes. Sonst verstehe ich kaum etwas, bin aber durchgehend mit den vielen bunten visuellen und akustischen Eindrücken und meinem kleinen, neugierigen Sitznachbarn beschäftigt. Nachdem die geschenkte Ziege übergeben und die Wichtigkeit Osus und dessen Weiterentwicklung für die Ga und für Accra betont worden ist, endet die offizielle Zusammenkunft. Ich habe Hunger und Durst und gehe mit Christian und Sabrina gefolgt von einer Horde Kinder nach Hause. Da wir direkt neben dem Fußballstadion wohnen und während des Homowo ein Qualifikationsspiel gegen Mali (?) entschieden wurde, machen wir uns nach kurzer Stärkung wieder auf den Weg. Christian will zum Meer, also überqueren wir den Independence Square, von dutzenden gut gelaunten Fußballfans und genervten Autofahrern umgeben. Es wird langsam dunkel. Was macht man nun am Samstag Abend in Accra? Wir kommen mit ein paar internationalen Studierenden ins Gespräch, würden uns freuen unsere deutsche Blase ein bisschen anreichern zu können, gehen weiter zum Meer. Das Licht ist traumhaft, es ist windig und diesig; man sieht die Silhouette des Leuchtturms in der Weite. Ein meditativer Moment, der wenig später durch einen jungen Mann durchbrochen wird. „I wouldn´t get too close to the water.“ Michael klärt uns freundlicherweise über das Abwassersystem Accras und die suboptimale Richtung der Meeresströmung entlang der Stadt auf und wenige Minuten später sind wir zum Essen sowie zum Klettern eingeladen.

Wo sind eigentlich all die anderen Obrunis? Wo trifft man sich zum Abendessen, wo auf ein Bier? Wie kann man seine Wochenenden in Ghana gestalten? – All diese Fragen scheinen auf einen Schlag beantwortet zu sein!

Das Abendessen war schön, die Freunde von Michael sind ebenfalls total freundlich und offen und spontaner Weise schließe ich mich der Gruppe schon direkt am nächsten Morgen zum Klettern an. Mit dem Trotro über Tema Station sehe ich auf dem Weg zur Accra Mall, unserem Treffpunkt, zum ersten Mal eine etwas „pompösere“ Seite Accras und fühle mich schon bei Ankunft an der Mall mit neuen Eindrücken überfüllt. Ich werde mit dem Auto abgeholt und über Schnellstraßen verlassen wir Accra. Es wird ruhiger. Es ist grün am Straßenrand und in der Ferne sind immer wieder kleinere Felsgruppen zu sehen. Nach einem kurzen Stück offroad sind wir nach einer guten Stunde Fahrt dann da. Die Autos werden ausgepackt, das Equipment wird sortiert. Wow, sind das krasse Kletterer, denke ich mir und freue mich wie ein kleines Kind über die zufällige Begegnung vom Abend zuvor. Auch wenn meine Füße von den viel zu kleinen, geliehenen Schuhen schmerzten, so war es ein unglaublich schöner Tag mit toller Aussicht über die gesamte Gegend, mit ersten Grenzerfahrungen am Naturfelsen, aber vor allem mit einem super netten und bunten Haufen von Ghana oder Afrika-erfahrenen Expats, mit denen ich die letzte Woche über gleich mehrfach Abends noch etwas Trinken war.

Es ist schön schätzen zu lernen, dass Ghana ein sehr angenehmes, tolerantes, ungefährliches und freies Land zum Leben ist. Es tut gut zu wissen, dass ich sowieso zum Zwischenseminar nach Kenia fliegen werde und vielleicht ein paar Urlaubstage an den Aufenthalt anhängen kann. Aber vielmehr ist es schön wieder einmal zu merken, wie einfach das Leben sein kann, dass Alter an einem gewissen Punkt überhaupt keine Rolle spielt, dass es oft ganz unterschiedliche Menschen sind, die einer Gruppe Zusammenhalt und Farbe verleihen.

„Do the things you love and you´ll find people you love.“

Es ist schön zu sehen, dass der Fluß fließt, dass Gedanken kommen und gehen, dass die Dinge sich fügen, wenn man sie lässt…

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