Flexibel bleiben

Es kommt immer anders als man denkt. Vor allem hier in Ghana, hab ich das Gefühl. So bin ich heute morgen schon um 5:30 Uhr aufgestanden, um gemeinsam mit der neuen Sprachassistentin Sarah und meiner Chefin Heike in eine kleine Stadt östlich Accras, nach Winneba zu fahren. Dort arbeitet Heike seit einiger Zeit daran ein Curriculum für Deutsch an der Universität zu etablieren, da es in ganz Ghana bisher nur die Möglichkeit gibt Deutsch im Drittfach zu studieren. Leider ist Heikes Tochter über Nacht wieder einmal an Malaria erkrankt. Ich hatte den Türgriff schon in der Hand, als sie mich gerade anrief um abzusagen, da sie fast die ganze Nacht im Krankenhaus verbracht hatten.
Man muss eben flexibel bleiben! Das Gute daran ist, dass ich jetzt mal wieder ein bisschen Zeit habe euch mit ein paar meiner Berichte zu füttern. Um euch kurz an meiner Situation teilhaben zu lassen: Ich sitze auf dem Balkon unseres Hauses, die Füße hochgelegt, das Laptop auf dem Schoß, die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht und so langsam oder eigentlich recht schnell erwacht meine Nachbarschaft und startet in den neuen Tag, dh die Musik läuft schon teilweise an, die Kinder schreien ringsherum, die Mutter schreit zurück, dazwischen ein paar krähende Hähne, die ebenfalls ihren Senf dazu geben wollen und das Plätschern, weil ein junger Kerl gerade in die offene Abwasserrinne am Straßenrand pinkelt. Das montone Schlappgeräusch von unzähligen umherschleifenden Flipflops untermalt das morgendliche Treiben…

Obwohl ich noch nicht mal zwei Wochen hier bin, habe ich mich schon sehr an den steten Geräuschpegel gewöhnt und hatte sogar schon den Gedanken, dass mich die Stille in Deutschland nach meiner Rückkehr wahrscheinlich erst einmal einsam fühlen lässt. Aber Rückkehr, was rede ich da; noch stehe ich ganz am Anfang dieser ereignisreichen Zeit!

Und hierzu gehören auch die ganzen Anfangsgedanken, die sich immer wieder in mein Bewusstsein schleichen. Zum Beispiel hatte ich in letzter Zeit und vor allem im Hinblick auf meinen Aufenthalt in Ghana lange überlegt, wo mich mein Hobby der Fotografie hintreibt, was ich mit meiner Kamera und meinen Bildern anstellen will, für wen ich eigentlich fotografiere, wem ich meine Bilder zeigen möchte und wie ich diese präsentieren soll. Eine gute Antwort auf all diese Fragen hab ich immer noch nicht. Aber zumindest wurde durch diese Gedankengänge die Idee dieses Blogs geboren. Damals ging es mir rein um die Fotografie und ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so viele Worte an euch richten würde. Jetzt bin ich schon wieder über mich selbst überrascht, dass meine Hände geradezu an der Tastatur meines Laptops zu kleben und die Worte nur so aus meinen Fingern zu sprudeln scheinen.

Aber es passiert ja auch einfach so viel!! Und ja, wo soll ich anfangen? Soll ich erzählen, dass ich gestern Abend ne Waschmaschine anschmeißen wollte, weil wir endlich wieder Wasser hatten? Das Wasser hier in Accra, der Hauptstadt des Landes, fließt nämlich nicht einfach so aus der Leitung. Man muss sich um einen Wassertank bemühen, welcher in unserem Fall dann Wasserhähne, Dusche und Toilette im Haus versorgt. Dieser wird aber nur 1-2 mal pro Woche aufgefüllt. Das heißt, wenn der Tank leer ist, ist er leer und ich hatte mich am späten Sonntagabend, als ich völlig verschwitzt und verdreckt vom Klettern wiederkam (ohja, nächste Geschichte) sehr gefreut, dass wir noch ein bisschen Wasser in zwei kleineren Tonnen gespeichert hatten. So konnte ich mich mit der mir in Asien liebgewonnenen Mandi-Dusche, einem Schöpfer abwaschen. Über die letzten Tage ging aber auch diese Reserve zuneige und wir verblieben schließlich komplett ohne Wasser, bis alle Tanks dann gestern endlich wieder aufgefüllt werden konnten. Ich schalte abends also endlich die komisch komplizierte, halbautomatische Waschmaschine ein und zehn Minuten später ist es auf auf einen Schlag plöztlich dunkel und nach kurzem Kinderkreischen auch ganz schnell still im Viertel. Stromsparmaßnahmen. So werden die verschiedenen Stadtteile abwechselnd und zu unterschiedlichen Zeiten abgeschaltet und ich versuche im Taschenlampenlicht das durch den Staub graufarbene Waschmittelwasser mit Hand aus meinen Klamotten zu waschen. Die speziellen Hintergründe der Sparmaßnahmen sowie die einzelnen Zeiten der Stromausfälle sind mir nicht bekannt. Es bleibt also spannend und die Taschenlampe bekommt einen Sonderplatz in meinem Zimmer. Was ich zum Thema Strom noch erwähnen möchte ist, dass Ghana mit dem Volta-See über den weltweit größten Stausee verfügt, der das ganze Land mit Elektrizität versorgen könnte. Könnte, weil nur 60% des Stroms vom Stausee kommen, da der Rest aus wirtschaftlichen Gründen in Nachbarländer exportiert wird.

Aber jetzt nochmal zurück zu meiner ersten Arbeitswoche in Accra. Soweit ich es bisher beurteilen kann läuft vieles sehr viel entspannter ab, als in Deutschland. Wenn ich beispielsweise erzähle, dass das Internet mit dem gekauften Internetstick so gut wie gar nicht zu Hause in Osu funktioniert, dann fährt man mal eben während der Arbeitszeit mit mir zum Vodafone-Center, um Alternativen zu meinem jetzigen Anbieter einzuholen – um nur eines der vielen Beispiele dafür zu erwähnen. Wie ich auch schon selbst feststellen konnte gibt es durchaus Gründe für die allgemein so entspannte Haltung. Ziemlich egal was man plant, es kann gut sein, dass etwas anderes dazwischen oder ungeahnte Schwierigkeiten und Probleme sich auftun. As I said earlier, flexibel bleiben! So bestand meine erste Aufgabe darin, die Internetseite, welche meine Vorgängerin mit einem neuen Content Management System überarbeitet hatte, zu überprüfen. Durch temporär nicht vorhandenes Internet und Softwareprobleme konnte ich Mitte der Woche am dritten PC dank meines eigenen Internetsticks dann endlich damit anfangen. Durch die lustigen Kollegen und die Consultation Hours, in denen wir ghanaische Studenten über die Studienmöglichkeiten in Deutschland und Stipendienmöglichkeiten informieren, waren die Tage trotz alledem nicht wirklich lang. Wie auch? Ich befinde mich schließlich am Äquator. Das heißt, dass es meist schon dunkel wird, wenn wir nach Hause kommen und die Motivation für die Abendgestaltung letzte Woche leider dementsprechend gering ausfiel.
Letztendlich verging die Woche dennoch wie im Flug und wie ihr an den Fotos sehen könnt hielt das Wochenende ein paar schöne Überraschungen für mich bereit.

Nächstes Mal mehr dazu, denn der Twi-Kurs ruft…

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Ein Gedanke zu „Flexibel bleiben

  1. Hallo Julia,
    man kann lesen wie die Finger über die Tastatur flitzen und die Worte aus den Fingerspitzen fließen. Fotos kannst du machen. Ich bin gespannt auf deinen ersten veröffentlichten Roman.

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