Augen auf!

Müde steige ich nach einem langen, langweiligen und ohne Internet durchaus beschwerlichen Arbeitstag aus dem vollen Tro Tro aus. Es ist nur ein kurzer Fußweg nach Hause. Es ist dunkel. Aber diese Dunkelheit ist gefüllt mit Leuten, die schwüle Luft ist angereichert mit Düften und Klängen. Ich suche die Gesichter der mir begegnenden Menschen und komme nicht umhin zu strahlen, wenn sich unsere Blicke treffen. Woher kommt dieses Strahlen, woher kommt die Energie, mit der mich ein Fremder so freundlich grüßt? ‚How are you?‘ – Sie meint mich. Ich bleibe stehen und komme mit der Frau ins Gespräch, die ihren kleinen Straßenstand nur ein paar Meter von meiner Haustür aufgebaut hat. Bald kommen Freunde von ihr hinzu. Sie versuchen mir Ga, eine weitere der vielen Sprachen beizubringen. Wir lachen gemeinsam. Ich versuche mir ihre Namen zu merken, schließlich will ich meine Nachbarn kennen lernen.
Ein paar Schritte weiter bin ich zu Hause angelangt. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss und die Geräusche der Straße dringen nur mehr gedämpft an meine Ohren. Irgendwie pervers, dieses Gefühl und das Wissen, dass ich in einem der wenigen 2-storey buildings in Kinkawe/Osu wohne, dass mich dicke Mauern von der Welt da draußen trennen, dass ich hier drinnen gefühlt ganz woanders bin und sein kann, wenn ich wollte. Lange halte ich es nicht aus. Ich gehe wieder nach draußen. Nicht weit entfernt bleibe ich stehen, um in meiner Tasche nach meinem Handy zu kramen. Eine Frau am Straßenrand ruft mir etwas zu, was ich nicht verstehe. Ich schaue sie fragend an. Eine weitere Frau hilft mit der Übersetzung. Ich solle herkommen. ‚Come here‘ – nicht das erste Mal, dass ich diese Worte zu hören bekomme und ich lächle zurück. Erst dann verstehe ich, dass sie mir helfen will, da es sich in ihrem Dämmerlicht leichter suchen lässt als in der Dunkelheit der Straße, wie sie sagt. Schnell habe ich drei weitere Namen gehört, die ich mir gerne merken würde und bin dabei ein bisschen Twi, die in Ghana wichtigste, aber leider in meinem Viertel seltener gesprochene Sprache, zu lernen. Man erklärt mir, dass ich im Dagadu-House wohne. Die Häuser tragen hier nämlich die Namen der jeweiligen Familien. Wenn ich diesen Namen im Gedächtnis behalte, können mir die 18000 Einwohner meines Viertels weiterhelfen, falls ich mal nicht nach Hause finden sollte. Schließlich gibt es hier keine Adressen und die Straßennamen sind den meisten Leuten gar nicht bekannt. Man bietet mir fried Plantain, gebratene Kochbanane an, doch ich will bald weiter, bin mit meiner Arbeitskollegin verabredet. Wiederum nur ein paar Meter weiter ist die gestern noch befahrbare Straße mit Plastikstühlen und Pavillions vollgestellt. Die großen Musikboxen dürfen nicht fehlen und mittendrin sitzt ein Junge am Computer, er ist der DJ. Die meisten Stühle sind noch leer, ein paar Kinder spielen hier und dort, rufen Obruni, Weiße, ich sage Bebeni, Schwarze und sie freuen sich. Was für ein gutes Gefühl, dass die Hautfarbe nichts mehr bedeutet als die Farbe meiner Haut!
Ich frage den Jungen am Computer, was der Anlass für den Aufbau sei. Er erklärt mir, dass jemand gestorben ist. Am heutigen, dem ersten Abend der Zeremonie werden langsame Lieder gespielt. Die Menschen kommen zusammen. Sie kleiden sich in schwarz und rot, schwarz als Zeichen der Trauer und rot, um zu zeigen, dass man jemand Geliebtes verloren hat. Am zweiten Abend wird dann gefeiert, die Menschen kleiden sich in weiß und die Beerdigung wird zum Fest. Es sei denn der Verstorbene war über 80 Jahre alt, dann wird nicht getrauert, sondern nur in weiß gefeiert, da sie der Meinung sind, dass derjenige sein Leben voll gelebt hat. So hat man es mir erklärt. Eine schöne Sicht der Dinge, wie ich finde.
Schließlich gehe ich weiter, treffe mich mit Rebecca und ihren zwei Nichten, wir essen Kebab und haben einen schönen Abend.

Was man nicht alles zu sehen und hören bekommt, wenn man auch unterwegs mal wieder lernt die Augen zu öffnen und dem Leben ins Gesicht zu blicken…

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