Akwaaba

Liebe Leute,

es freut mich, dass ihr meine Worte lesen und meinen Geschichten lauschen wollt! Also Akwaaba, herzlich Willkommen in meinem Blog. Irgendwie eine komische Vorstellung, dass ich diese Zeilen von meinem kleinen Bett in meinem feinen Zimmer in einem kleinen Häuschen im mehr als lebhaften Stadtviertel Osu aus der wuseligen Ghanaischen Hauptstadt Accra an euch in die Ferne richte…

Aber Gedankensprung: Ich bin gut gelandet und mittlerweile gefühlsmäßig sogar schon ein bisschen hier in Accra angekommen. Bin ich auch erst sechs Tage hier, so falle ich doch jeden Abend erschöpft ins Bett, schlafe tief und träume unglaublich viel. Die vielen Eindrücke wollen verdaut werden und ich könnte Seitenweise darüber berichten.
Also, here we go!

Felix, mein Ghanaischer Arbeitskollege im DAAD Informationszentrum rief mich noch kurz vor Abflug in Deutschland an, um mir mitzuteilen, dass er mich trotz der unchristlichen Ankunftszeit um 05:00 am Flughafen abholen werde. Erleichterung, schließlich bin ich noch nie so unvorbereitet in ein fremdes Land geflogen. Zu meiner Verteidigung: das 10-tägige, unglaublich intensive kulturweit-Vorbereitungsseminar ließ uns auch wirklich keine einzige freie Minute, um den Reiseführer vor Abflug zumindest auch nur mal kurz aufgeschlagen zu haben. Felix bewahrte mich also vor der Situation ohne jegliche lokalen Sprachkenntnisse, ohne Orientierung und ohne Verständnis für den Wert des Ghana Cedi wie ein bescheuerter Tourist am Flughafen aufzulaufen. Thanks again Felix! Vor allem, da das reservierte und mit Fußballschuhen bereits angezahlte Zimmer anscheinend doch nicht frei geworden ist und demnach schnell eine alternative Bleibe her musste. Adwoa, die Mutter von Francis, einem Freund von Felix erklärte sich bereit, mich aufzunehmen. Nachdem ich meine Sachen dort abgelegt hatte, ging es über einige Umwege auch schon ins DAAD Office. Man bemerke, ich hatte schon über 24h lang nicht mehr ordentlich geschlafen. Heike, meine deutsche Chefin, begrüßte mich herzlich und gab mir eine kurze Einweisung. Dann durfte ich auch schon ne Stunde lang am Kopierer stehen. Das Mittagessen hat mich aber wieder wachgemacht, denn die Ghanaische Küche ist echt megalecker und auch gut würzig bis scharf. Da ich von Heike erfuhr, dass meine Unterkunft bei der Großmutter Adwoa durchaus suboptimal sei, da es außerhalb gelegen ist und sie nicht möchte, dass ich abends alleine mit dem Taxi dorthin fahre, bin ich vom DAAD direkt noch ins Stadtviertel Osu gefahren, um mir mein jetziges Zimmer anzusehen. Zurück zu Adwoa gings dann zum ersten Mal mit einem der Tro Tros, einem klapprigen, günstigen und durchaus kontaktfördernden Minibus eines nahezu undurchschaubaren städtischen Transportsystems. Auf der Fahrt bin ich bestimmt zehnmal eingenickt – ein Wunder also, dass ich die Wege gefunden und es letztendlich wieder zu Adwoa geschafft habe. Dort angekommen habe ich dann erstmal geschlafen und geschlafen und geschlafen. Am nächsten Tag wollte ich eigentlich direkt nach Osu umziehen, doch konnte ich die Schlüssel fürs neue Zimmer erst am Nachmittag bekommen. Weil Adwoa nicht wollte, dass ich alleine auf die Straße gehe, sie aber zu schwach war, um mit mir zu gehen, bin ich gezwungenermaßen endlich mal ein bisschen zur Ruhe gekommen, habe mich in Twi, einer der über 40 anerkannten Ghanaischen Sprachen geübt und mit ihr in der Küche gesessen um kochen zu lernen. Sie hat mich gelobt und die Suppe war fein. Viele viele Zwiebeln, Tomaten, Yam, Fisch und Fleisch. Von Draußen hörte man Trubel und heiteres Treiben. Es kitzelte und zog mich hinaus, aber nein, geduldiges Warten auf den Umzug.

Wenn ich meine bisherigen Auslandserfahrungen mit je einem Wort beschreiben sollte, so würde ich sagen, dass die USA mich auf jeden Fall in Toleranz gelehrt haben, Asien im Abenteurertum, Australien im Durchhaltevermögen und ich mich in Afrika jetzt schon sehr in Geduld üben durfte.

Einen geduldigen Mittagsschlaf später kam also die Nachricht, dass die Straße nach Accra gesperrt sei. Die Ga, eine Volksgruppe in dieser Region feiert Homowo, eine Art Erntedankfest, ich könne also erst am nächsten Morgen umziehen. Auf mein Nachfragen hin erklärte sich der schüchterne Fancis bereit eine Runde mit mir hinaus zu gehen. Ziemlich flott lief er voraus, so dass ich Mühe hatte hinterher zu kommen. Als die Runde vorbei war, wollte ich gerne noch alleine draußen bleiben. Nur bis zur Kreuzung, riet er mir und auch da wurde ich direkt von einer jungen Frau angesprochen, dass ich besser nicht weiter in die Menschenmenge hineingehen sollte. Brav ging ich bei Sonnenuntergang also zurück ins Haus und weil mir nach einer halben Stunde ghanaischen Fernsehens mit Francis und Adwoa wegen der quietschigen Farben und dynamischen Werbespots fast schwindlig geworden ist, bin ich aus Langeweile wieder früh ins Bett gegangen. Über Nacht bekam ich dann nacheinander mehrere SMS von Fancis, der um 01:30 fragte, ob ich noch schlafen würde. Er ist wohl doch noch zum Homowo gegangen. Die Situation, die betretene Stille, als er sich am nächsten Morgen zu Adwoa und mir zum Frühstück gesellte, war einfach herrlich. Francis ist schon Mitte 30, müsst ihr wissen und ich glaube er war mir sehr dankbar, dass ich ihn nicht vor seiner Mutter auf das gestrige Fest angesprochen habe…

Wie war das noch, der Mensch hat zwei Ohren zum doppelt hinhören, zwei Augen zum doppelt hinsehen und nur einen Mund zum sprechen. Ich habe die ersten Tage also viel zugehört, mich zurückgehalten und viel beobachtet. So zum Beispiel den strengen Umgang von Adwoa mit den Kindern ihrer Haushälterin, welche mit sieben und zwei Jahren versuchten, den Job ihrer Mutter zu übernehmen, da diese für ein paar Tage einem anderen Job nachging…

Nach dem Frühstück bin ich jedenfalls nach Osu, Downtown Accra umgezogen und beim ersten Stadtspaziergang wurde mir immer klarer, dass Ghana nunmal nicht Indonesien ist und dass ich auch dort nur eine knappe Stunde in der Hauptstadt Jakarta verweilen wollte. Ich werde also die nächsten sechs Monate in einer 2,5 Millionen-Stadt verbringen, einer ghanaischen 2,5 Millionen-Stadt. Für jeden, der noch nie in einer solchen Großstadt war, müsste ich hier wahrscheinlich eine Multimediainstallation erstellen. Von dem was ich bisher gesehen habe, kann ich sagen, es gibt in Accra einfach alles! Und davon unglaublich viel!! Viele viele Menschen, Kinder, Händler, Musik aus allen Ecken, Lärm, viele Tiere,Katzen, Hunde, kleine Hütten, große Häuser, Müll, Autos, Tro Tros, ein paar wenige Fahrräder, eine leider nur wenig genutzte Beachfront, Märkte mit allem, was das Herz begehrt, Essenstände, wohl sortierte Supermärkte, diverse Düfte, ein wenig Gestank, uvm. Da sich all das selbst im innersten Zentrum der Stadt total miteinander vermischt, wirkt Accra auf den zweiten Blick irgendwie sympathisch, auch wenn ich zugeben muss, dass ich allgemein einfach kein Großstadtkind bin und von der unglaublichen Masse und Vielfalt der Eindrücke zunächst doch ein bisschen kulturgeschockt war.

Ein paar Highlights der ereignisreichen letzten Tage waren auf jeden Fall die vielen Begegnungen mit freundlichen und hilfsbereiten Leuten, die unterschiedlichen Handshakes, bei denen auf coolste Art und Weise eingeschlagen, gecheckt und geschnippst wird, die vielen Löcher und offenen Abwasserkanäle neben den Straßen, bei denen ich nur darauf warte, bald mal hineinzufallen, die laute Musik, die einen schon mal mit hämmerndem Bass in den Schlaf begleitet und früh morgens wieder aus den Federn schmeißt, das Trinkwasser aus Plastikbeuteln und das unglaublich leckere Essen. Aber auch hier ist Vorsicht angesagt. Die Cholera hat in den letzten Monaten wohl einige hunderte Menschenleben gefordert. Deswegen empfiehlt es sich momentan eher nicht von den vielen interessanten Straßenständen zu essen, leider…

Was es noch zu sagen gibt ist, dass ich mir mit Sabrina und Christian, zwei Praktikanten des Goethe-Instituts ein feines Häuschen teile. Dass dieses Haus ganz zentral in Osu/Kinkawe liegt, erklärt den kleinen Kulturschock zu Beginn, denn eine Arbeitskollegin und Nachbarin hat mir heute erklärt, dass sie in Osu groß geworden ist und dieser Stadtteil zu den Ghettos der Stadt zählt. Es ist also immer was los auf den schmalen Straßen, es wird gekocht, gegessen, gespielt, geschlafen und wir sind mitten drin. Daher empfinde ich es nicht unbedingt als störend zu Hause in der sogenannten deutschen Blase zu sein. Schließlich sind Sabrina und Christian ganz locker und ich bin eigentlich eh nur zum Schlafen zu Hause. Tagsüber habe ich viel mit ghanaischen Studenten und Kollegen zu tun. Die Arbeitsatmosphäre im DAAD ist total entspannt und Felix, mein Kollege und Ansprechpartner ist sehr engagiert mich in alle Arbeits- und Lebenslagen einzuweisen. Hierzu gehören die Geheimtipps, wie der beste Kokosnussstand und die geröstete Kochbanane mit Erdnüssen am Straßenrand (gegrillte Sachen sind Cholera-safe), der günstigste Internet- und Handyanbieter, sowie die anstehenden Projekte und Aufgaben im Office.

Wie ihr seht geht es mir sehr gut und ich bin selbst erstaunt, wie schnell man sich an andere Lebensumstände und einen neuen Alltag gewöhnen kann.

Jetzt aber endlich genug der Worte. Auf bald!

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4 Gedanken zu „Akwaaba

  1. Hallo Julia,
    es war das Highlight heute in der Früh Deinen Bericht zu lesen. Ich könnte stundenlang Deine Beschreibungen und kleine Geschichten in mich aufsaugen. Deine Art zu schreiben ist so kurzweilig. Auch Uli hat mir gespannt beim vorlesen zugehört.
    Ich bin so froh, dass es Dir gut geht und Du Dich schon so gut eingelebt hast. Ich hoffe Du hast eine ganz tolle und erfahrugsreich Zeit und kann es schon nicht mehr erwarten Deinen nächsten Bericht zu lesen. Ich drück Dich ganz fest

    Gitti

  2. Hört sich ja gut an. Freut mich für Dich, alles gute Dir und weiterhin ne gute Zeit.
    lg matthias

  3. Hallo liebe Julia!
    Ich habe gerade sehr interessiert Deinen Bericht gelesen. Es hört sich alles mega interessant und kulturreich an. Hoffe Du hast eine tolle Zeit drüben. Grüße aus Köln,

    Shohreh

  4. Auf die meisten Strassen-Ess-Staende verzichten…. mal sehen wie lange Du das aushälst ;-/ Ganz ganz eine tolle Zeit Dir!!!!

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