Nneka

Die Luft ist angenehm kühl. Wie dünne, seidene Schleier liegen die Wolken in der Luft. Sie verhüllen den Mond, erhellen fleckenweise den tiefschwarzen Himmel der Nacht. Die Atmosphäre auf dem Gelände der Alliance Française ist ungewohnt. Sie wirkt ruhig, gesittet, irgendwie fanzösisch. Die Leute stehen in kleinen Gruppen, unterhalten sich höflich, trinken Alkohol, versuchen sich für die Blicke der Anderen zu amüsieren. Im Hintergrund des Gemurmels läuft angenehmer Ambient Sound, der mich aus Ghana in sommerliche Nächte heimischer Welten versetzt.

Dann kommt sie auf die Bühne, klein und unscheinbar, dunkel gekleidet. Sie setzt sich ans Mikrofon, legt die Finger an die Saiten ihrer E-Gitarre, schließt die Augen. Man hört ihren Atem. Mit dem ersten Ton holt sie mich aus der Menge zu sich, zu ihrer Mother Afrika.

Also haltet endlich die Klappe und lauscht! Diese Frau hat etwas zu sagen.

Wochenendbericht

Das Wochenende ist vorüber, die Woche ist in vollem Gange und ich komme in diesem Alltag überhaupt nicht mit der Berichterstattung der sich in Windeseile anhäufenden Ereignisse hinterher. Deshalb muss der kostbare Schlaf nun ein bisschen zurückstecken, denn so kommt mein Geist ohnehin nicht zur Ruhe. Um an meinen letzten Worten anzuknüpfen hier also der Bericht der vergangenen Tage.

Nachdem die Malaria mit diversen Medikamenten, viel Schlaf und Ruhe glücklicherweise recht schnell zu bändigen war, entschied ich mich dafür am Samstagmorgen doch mit den Kletterleuten zum Mount Buruku am Lake Volta aufzubrechen. Das Tagesziel: einen 60 Meter hohen Felsen bezwingen. Die Schwierigkeit: die Haken müssen beim Vorstieg erst im Fels platziert werden und der Aufstieg bedarf mehrerer Seillängen. Im Kampf gegen das limitierte Tageslicht und die unglaublich schlechten Straßenbedingungen sind wir deshalb schon um 4 Uhr morgens aufgebrochen. Hätte ich vorher gewusst was schlechte Straße zu bedeuten hat, hätte ich mir die Entscheidung wahrscheinlich nochmal überlegt. So saß ich also mit Bauchkrämpfen, den Nachwehen der Malaria, eingespreitzt im Rücksitz des Pick-Ups und zählte die Minuten, als wir mit Höchstgeschwindigkeit stundenlang über tiefe Schlaglöcher und fiese Bodenwellen dahinflogen. Als die Straße irgendwann besser wurde und die Sonne aufging, wurde mir die Schönheit der umliegenden Landschaft bewusst. Links und rechts ragt der dichte und tiefgrüne Regenwald bis an den Straßenrand. Nur die auffällig vielen Bauruinen in den dünn besiedelten Gegenden durchbrechen das romantische Bild der Natur immer wieder. Es sei ein Problem der ghanaischen Gesetzgebung. Das vom jeweiligen Chief zugeteilte und verpachtete Land kann nach gewisser Zeit ohne Nutzung nämlich wieder aberkannt werden, es sei denn man bebaut oder bewirtschaftet das Land. Da sich viele Familien eine Bewirtschaftung aber nicht leisten können, hat diese Regelung zur Folge, dass viele Leute ihr Land mit dem letzten verfügbaren Geld zumindest mit unfertigen Häusern bebauen, um es gegen die Enteignung zu schützen. Dass die Preise für Baumaterialien in den letzten Jahren enorm in die Höhe gestiegen sind und die Bauruinen nach einigen Jahren wieder verfallen, scheint von wenig Relevanz zu sein und der gute Gedanke hinter dieser Regelung geht in der Praxis leider verloren.

Ich schüttele den Kopf und lasse die Gedanken kreisen, während mein in die Ferne gerichteter Blick immer wieder an einem der grauen Betonklötze inmitten des saftigen Grüns hängen bleibt.

Da wird das Auto langsamer, Polizeikontrolle. Ziad und Danielle stoßen einen Seufzer aus. Als Autofahrer sind das gewöhnt und kennen das Prozedere. Sie sind genauso weiß wie ich. Wegen Speeding fordert der Polizist ein Bußgeld von 500 Ghana Cedis (ca. 200 Euro). Wir wissen nicht, ob die angezeigte Geschwindigkeit auf seinem Radargerät wirklich an unserem Auto gemessen worden ist. Ziad steigt aus dem Auto aus, sucht seinen Führerschein in einer Tasche im Kofferraum. Er diskutiert mit den Polizisten, wir versuchen zu lauschen, beobachten die angeregte Diskussion. Nach 10 Minuten scheint die Situation geklärt, der Polizist mit einem Schmiergeld von 25 Ghana Cedis befriedigt. Wieder unterwegs höre ich mir unzählige Geschichten von korrupten Verkehrspolizisten an. Bei den Leuten die neu in Ghana sind dauert es manchmal ein bisschen länger, bis sie verstanden haben, dass der Polizist sie gar nicht mit auf die Wache nehmen möchte, sondern auf unauffällig zugestecktes Schmiergeld wartet. Weiß man Bescheid, so muss man anscheinend nur noch geschickt über die Höhe dessen zu verhandeln wissen.

Für manche von euch mögen diese Erzählungen weniger überraschend sein. Schließlich ist es keine Seltenheit, dass sich viele Leute aus Ländern des globalen Südens irgendwie bereichern wollen und auf ihr Stück des Kuchens zu bestehen versuchen. So wie ich Ghana bisher kennen lernen durfte, haben mich diese Erfahrungsberichte jedoch schon überrascht. Beim allerersten Kauf einer Wasserflasche gab ich nach kurzer, erfolgloser Verhandlung auf , zahlte 1,50 Cedis und nahm mir vor beim nächsten Mal etwas beharrlicher zu sein, um wenig später festzustellen, dass die Flasche immer ca. 1,50 Cedis kostet, egal ob Tourist oder nicht. Genauso mit Lebensmitteln, mit Früchten auf der Straße, mit Taxifahrten, nur Souvenirs scheinen ausgenommen. Aus Asien bin ich dahingehend ganz Anderes gewöhnt.

Aber zurück zum Wochenende. Am Mount Buruku angekommen lag eine einstündige Wanderung durch die dichtbewachsene Steppe vor uns. Ohne jeglichen Pfad stiegen wir also kreuz und quer durch hohes Grasland den Berg hinauf bis wir oben vor einer atemberaubenden Felsensäule ankamen. Ich war mir bis dahin immernoch unsicher, ob ich mir die Kletterei kräftemäßig zutrauen kann oder nicht. Und das ist das Wunderbare an diesen verrückten und liebevollen Leuten: Sie geben mir Rückenstärkung, pushen mich an meine Grenzen oder versichern mir mich einfach am Seil hochzuziehen, wenns nicht mehr gehen sollte. So standen wir einige Stunden später mit sieben Mann glücklich und kaputt auf Mount Buruku und genossen den Ausblick auf den darunterliegenden Volta-Stausee, bis einer nach dem anderen dann rückwärts über die Kante stieg, um sich selbständig aus 60 Metern Höhe wieder abzuseilen. Hier nochmal das Thema Rückenstärkung. Hätten Michael und Ziad nicht für mich gepfiffen und gesungen, hätte ich mir dabei wahrscheinlich ordentlich in die Hosen gemacht. Don´t worry, be happy… Unten angekommen war ich happy, unglaublich happy, über den festen Boden unter meinen Füßen, über meine wiedererlangte Gesundheit, über die guten Leute, über meine Leistung, über den Ausblick, über den ereignisreichen Tag inmitten der unberührten Natur!

Da wir mit unserer Zeitkalkulation deutlich daneben lagen, war dann auch der Abstieg zu den Autos am Straßenrand in der Dämmerung noch spannend. Schweigend liefen wir bei zunehmender Dunkelheit hintereinander her. Vom Wald verschluckt, vom Mondlicht geleitet, vernab von der Zivilisation, begleitet von den Geräuschen der Natur, den Melodien der Zirkaden…

Nach einem feinen Abendessen und einer Übernachtung im Matratzenlagerstyle bei Nathan, einem weiteren Mitglied der Klettertruppe, brachen wir am nächsten Morgen zu einem anderen Kletterspot direkt am Ufer des Volta auf. Auch diese Fahrt war holprig, führte uns über abenteuerliche Schotterpisten durch kleine Dörfer hindurch. Danielle und ich amüsierten uns über das große Aufgebot an African Wildlife in Ghana. Die kleinen dicken Ziegen sind auch wirklich überall! Nach ausführlichen Beobachtungen konnten wir festhalten, dass ihr Lebensinhalt darin besteht, sich auf Steine zu stellen, mögen diese auch noch so klein sein. Danielles Rückschluss zu dem Thema war, dass jeder von uns wohl ein bisschen Ziege in sich trüge, schließlich sind wir in unserer Freizeit die ganze Zeit nur am Klettern. Auch wenn die Ziegen noch so witzig sind, ich will keine Ziege sein und entschied mich an diesem Tag gegen das Klettern für einen ausgiebigen Spaziergang durch die Gegend und die umliegenden Dörfer. Neben vielen weiteren Ziegenbegegnungen hatte ich dadurch auch diverse lustige Begegnungen mit ein paar Ghanaern. Einen von ihnen fragte ich nach etwas zu Essen, da mir von einem guten Egg-Sandwich berichtet worden ist. Er führte mich zu einer der Frauen im Dorf und wollte mir einen Leib Brot verkaufen. Ich versuchte zu erklären, dass ich gerne jetzt eine Kleinigkeit essen würde, da ich ein bisschen Hunger hatte, nur eine Scheibe Brot vielleicht. Beim Wort Hunger strich er mir über den Bauch und sagte aufgeregt, dass ich ja unglaublich Hunger haben müsste, dass ich unbedingt ganz schnell etwas essen sollte. Er war lustigerweise sichtlich besorgt. Ein Anderer wollte mich überzeugen mich doch bitte in einen seiner Freunde zu verlieben. Der Ring an meinem Finger und der dazu erfundene Verlobte schien ihn wenig zu interessieren. Eine Toilettenfrau an der Raststätte auf dem Rückweg hingegen fragte mich tatsächlich zweimal, ob ich wirklich ein Mädchen sei, als ich in Michaels überdimensionalem T-Shirt auf die Frauentoilette zuging.

Um meine Weiblichkeit zu verteidigen sei gesagt, dass ich vor ein paar Wochen beim Friseur war. Es war ein netter junger Mann aus meiner Straße, der stundenlang mit einem Rasierapparat an meinem Kopf beschäftigt war und mit Stolz erklärte, dass Profis auch ohne Schere zurechtkämen. Die Haare wurden also immer kürzer und kürzer. Nachdem ich selbst nochmal einige Ecken und Kanten mit der Nagelschere geglättet hatte, erschrak ich bei jedem Blick in den Spiegel aufs Neue über die kahl rasierte Gefängnisfrisur, doch das Feedback von außen war sehr positiv. Sogar auf der Straße werde ich auf meine Haare angesprochen. You look so African, sagen sie mir und ich freue mich regelmäßig über den praktischen Aspekt kurzer Haare, wenn wir wiedermal kein fließend Wasser haben.

Um das zurückliegende Wochenende abzurunden will ich euch nicht vorenthalten, dass eines der beiden Autos beim Rückweg letztlich ohne Warnung überhitzte und wegen eines defekten Zylinders liegen blieb. Nach Stunden der Warterei und kurzem Check eines Mechanikers quetschten wir uns schließlich wie ein lebendiges Puzzle zu siebt in den Pick-Up, drehten die Musik auf und fuhren im Dunkeln die unglaublich schlechte und holprige Strecke zurück nach Accra…

Malaria

Ich schätze ich bin einfach nicht gut im Kranksein.

Meistens will ich es nicht wahrhaben, dass ich krank sein könnte. Wenn ich es mir irgendwann doch eingestehen muss, dann fühlt es sich wie eine Art Versagen an. Unbewusst bin ich vielleicht enttäuscht von meinem Körper, fühle mich von ihm im Stich gelassen und leide unter meiner eigenen Machtlosigkeit der Krankheit gegenüber. Ich glaube der Genesungsprozess an sich, das schiere Warten auf Besserung, widerstrebt einfach meiner grundsätzlichen Lebenseinstellung. Gibt es ein Problem, so gibt es normalerweise auch immer etwas, was man tun kann, um dieses Problem zu lösen. Bei Krankheiten hingegen besteht der Lösungsweg gerade im Nichtstun. Ich versuche also geduldig abzuwarten.

Tag drei der Malaria.

Die qualvollen und tränenreichen Stunden der Bauchschmerzen und Krämpfe sind vorüber, die Medikamente zeigen ihre Wirkung und ich fühle mich stark genug mich immer wieder für einige Zeit im Bett aufzusetzen. Ein Glück, dass Heike, meine Chefin mir geraten hat direkt einen Test machen zu lassen. Ich wäre einfach nach Hause gegangen, um mich auszuruhen, dachte die Symptome aus Asien zu kennen und einordnen zu können. Dank Heike und der frühzeitigen Diagnose wurde ich also vor schlimmeren Qualen bewahrt und glaubt mir, auch diese leichte Malaria ist wirklich kein schönes Erlebnis.

Noch nicht mal drei Wochen bin ich hier und schon habe ich also die Ehre auf den Geschmack der Tropen und ihrer Tücken zu kommen. Unglücklich, da das Ritual mit dem Mückenspray doch einen festen Platz in meinem Tagesablauf hat und ich mich zum Schlafen immer unter den sicheren Schleier meines Mückennetzes begebe. Auf der anderen Seite ist Malaria hier relativ normal und ich kenne kaum jemanden, der nicht früher oder später, einmalig oder regelmäßig das Vergnügen damit hat. Das gilt für Ausländer, genauso wie für die lokale Bevölkerung.

Trotzdem ist es nicht leicht, wenn man nach einer solchen Diagnose mit ein paar Medikamenten in der Tasche mit dem Taxi nach Hause fährt, um sich alleine in sein Bett zu verkriechen. But that´s part of the game, dachte ich, wenn ich mir schon einbilde in meinem Leben auch mal etwas ganz alleine machen zu müssen. Es dauerte nicht lange, bis ich mir mit diesem Gedanken lächerlich vorkam. Schließlich habe ich schnell gemerkt, dass es immer und überall Leute gibt, die für einen da sind und ich war überwältigt von den Anrufen, von dem Besuch, von dem Glück in dieser kurzen Zeit bereits so viele gute Menschen getroffen zu haben.

Nach der Übelkeit der letzten Tage beiße ich gerade genussvoll in eine Scheibe Toastbrot. Der Geschmack der Tabletten erinnert mich an Juicy Fruit, die Kaugummis von früher.

Ihr seht, ich bin schon fast wieder gesund…

 

 

Der Fluss der Dinge

Kennt ihr das, wenn man von ungewollten Gedanken heimgesucht wird, wenn sich Gedanken immer und immer wieder im Kreise drehen, man diese am liebsten aus dem Gedächtnis verbannen würde und verzweifelt versucht sich skurriler Weise das eigene Denken zu verbieten?
Ich glaube die monotone Arbeit am Fließband in Australien hat mich gelehrt, dass es nichts bringt sich seiner eigenen Gedanken zu verschließen. So haben alle Gedanken, ob gut oder schlecht, ob sinnvoll oder lächerlich, fröhlich oder deprimierend irgendwo ihre kleine Daseinsberechtigung. Sie werden gedacht, denn sie wollen gehört werden. Wie man letztendlich mit ihnen weiter verfährt, wie man mit den jeweiligen Situationen, Schwierigkeiten, Entscheidungen umgeht ist eine andere Frage. Aber in erster Linie muss man lernen sich selbst zuzuhören. Man muss die Gedanken manchmal kreisen lassen bis ihnen schwindelig wird. Lässt man ihnen freien Lauf, hört man auf an ihnen festzuhalten, sich auf sie zu konzentrieren, so verlieren sie schnell den Spaß daran einem das Leben zu erschweren und verschwinden meist von ganz alleine.

So komme ich also in Accra an, stelle fest, dass die Stadt riesig ist und weitaus weniger westlichen Einfluss hat als vermutet, ich wünschte mir, dass ich ein Auto besäße, um ihr zumindest am Wochenende leichter zu entkommen, ich erfahre, dass man sich bestimmte Waren üblicherweise von verreisten Kollegen und Freunden aus Europa mitbringen lässt, ziehe in ein Haus mit zwei anderen Deutschen, die zufälligerweise auch noch im selben Gebäude arbeiten, ich habe wenig bis nichts Sinnvolles oder Herausforderndes in der Arbeit zu tun, komme meist in der Dunkelheit nach Hause in ein Viertel, in dem außer uns kein anderer Obruni zu finden ist, ich stelle fest, dass die Ghanaer um mich herum abweichende Vorstellungen von Freizeitgestaltung haben, höre, dass Ghana nicht grundlos zu den weniger touristischen Ländern der Subsahara gehört und meine Gedanken fangen unweigerlich zu kreisen an.

Was ist mit Thoreau? Warum ist er gerade so fern von mir? Ich hätte nie gedacht, dass ich, der sich auf sämtlichen Reisen bisher immer zu hundertundzehn Prozent, fast etwas waghalsig und teils ein bisschen naiv den unterschiedlichen Kulturen hingegeben hat, jemals so denken könnte. Auf Reisen. Hierin liegt wahrscheinlich der entscheidende Unterschied. Muss man einen Alltag bewältigen, so hat man beispielsweise gar keine Zeit sich tagsüber durch den Markt treiben zu lassen, um lokale Lebensmittel zu studieren und zu kaufen, sondern man ist leider hin und wieder auf die langen Öffnungszeiten der vereinzelten, völlig überteuerten Supermärkte mit Importware angewiesen…

Beim kulturweit-Bewerbungsprozess hatte man mir die drei Städte Accra, Nairobi und Johannesburg zur Auswahl gestellt, von denen die Megastadt Nairobi nicht nur in einem touristisch hochgelobten Land liegt, sondern im Gegensatz zum Informationszentrum in Accra auch über eine große Zweigstelle des DAAD verfügt, was sich gegen meinen Willen recht schnell zu einem Bild romantischer Safariwochenenden und toller beruflicher Weiterbildungsmöglichkeiten in meinem Kopf verfestigte. Warum also Accra, wie kam ich eigentlich auf Accra??

Die erste Woche im Büro war geschafft und mit zunehmenden Treiben auf den Straßen kündigte sich das Wochenende an. Durch laute Trommeln und Luftschüsse trieb es uns am Samstagvormittag hinaus auf den kleinen Platz am Ende unserer Straße, wo über Nacht ein paar Pavillons und einige hundert Stühle aufgebaut worden sind. Die Leute sind auf unterschiedliche Weise und jede Gruppe für sich wahnsinnig aufwendig und einzigartig gekleidet. Wir werden an die Hand genommen, sollen uns setzen, denn bald geht es los. Es ist eine Zusammenkunft der Stämme der Ga-Volksgruppe, um die vielen einzelnen Feste des Homowo, des Erntedanks abzurunden. Auch der König der Ga wird anwesend sein und das Programmheft kündigt überdies den Ghanaischen Präsidenten John Mahama an, und das alles direkt vor unserer Haustüre im Ghetto von Osu! Über mehrere Stunden hinweg werden Ansprachen gehalten, es wird gegrüßt, geehrt, getrommelt, getanzt, geschenkt. Mahama wird entschuldigt, er sei auf Dienstreise außerhalb des Landes. Sonst verstehe ich kaum etwas, bin aber durchgehend mit den vielen bunten visuellen und akustischen Eindrücken und meinem kleinen, neugierigen Sitznachbarn beschäftigt. Nachdem die geschenkte Ziege übergeben und die Wichtigkeit Osus und dessen Weiterentwicklung für die Ga und für Accra betont worden ist, endet die offizielle Zusammenkunft. Ich habe Hunger und Durst und gehe mit Christian und Sabrina gefolgt von einer Horde Kinder nach Hause. Da wir direkt neben dem Fußballstadion wohnen und während des Homowo ein Qualifikationsspiel gegen Mali (?) entschieden wurde, machen wir uns nach kurzer Stärkung wieder auf den Weg. Christian will zum Meer, also überqueren wir den Independence Square, von dutzenden gut gelaunten Fußballfans und genervten Autofahrern umgeben. Es wird langsam dunkel. Was macht man nun am Samstag Abend in Accra? Wir kommen mit ein paar internationalen Studierenden ins Gespräch, würden uns freuen unsere deutsche Blase ein bisschen anreichern zu können, gehen weiter zum Meer. Das Licht ist traumhaft, es ist windig und diesig; man sieht die Silhouette des Leuchtturms in der Weite. Ein meditativer Moment, der wenig später durch einen jungen Mann durchbrochen wird. „I wouldn´t get too close to the water.“ Michael klärt uns freundlicherweise über das Abwassersystem Accras und die suboptimale Richtung der Meeresströmung entlang der Stadt auf und wenige Minuten später sind wir zum Essen sowie zum Klettern eingeladen.

Wo sind eigentlich all die anderen Obrunis? Wo trifft man sich zum Abendessen, wo auf ein Bier? Wie kann man seine Wochenenden in Ghana gestalten? – All diese Fragen scheinen auf einen Schlag beantwortet zu sein!

Das Abendessen war schön, die Freunde von Michael sind ebenfalls total freundlich und offen und spontaner Weise schließe ich mich der Gruppe schon direkt am nächsten Morgen zum Klettern an. Mit dem Trotro über Tema Station sehe ich auf dem Weg zur Accra Mall, unserem Treffpunkt, zum ersten Mal eine etwas „pompösere“ Seite Accras und fühle mich schon bei Ankunft an der Mall mit neuen Eindrücken überfüllt. Ich werde mit dem Auto abgeholt und über Schnellstraßen verlassen wir Accra. Es wird ruhiger. Es ist grün am Straßenrand und in der Ferne sind immer wieder kleinere Felsgruppen zu sehen. Nach einem kurzen Stück offroad sind wir nach einer guten Stunde Fahrt dann da. Die Autos werden ausgepackt, das Equipment wird sortiert. Wow, sind das krasse Kletterer, denke ich mir und freue mich wie ein kleines Kind über die zufällige Begegnung vom Abend zuvor. Auch wenn meine Füße von den viel zu kleinen, geliehenen Schuhen schmerzten, so war es ein unglaublich schöner Tag mit toller Aussicht über die gesamte Gegend, mit ersten Grenzerfahrungen am Naturfelsen, aber vor allem mit einem super netten und bunten Haufen von Ghana oder Afrika-erfahrenen Expats, mit denen ich die letzte Woche über gleich mehrfach Abends noch etwas Trinken war.

Es ist schön schätzen zu lernen, dass Ghana ein sehr angenehmes, tolerantes, ungefährliches und freies Land zum Leben ist. Es tut gut zu wissen, dass ich sowieso zum Zwischenseminar nach Kenia fliegen werde und vielleicht ein paar Urlaubstage an den Aufenthalt anhängen kann. Aber vielmehr ist es schön wieder einmal zu merken, wie einfach das Leben sein kann, dass Alter an einem gewissen Punkt überhaupt keine Rolle spielt, dass es oft ganz unterschiedliche Menschen sind, die einer Gruppe Zusammenhalt und Farbe verleihen.

„Do the things you love and you´ll find people you love.“

Es ist schön zu sehen, dass der Fluß fließt, dass Gedanken kommen und gehen, dass die Dinge sich fügen, wenn man sie lässt…

Flexibel bleiben

Es kommt immer anders als man denkt. Vor allem hier in Ghana, hab ich das Gefühl. So bin ich heute morgen schon um 5:30 Uhr aufgestanden, um gemeinsam mit der neuen Sprachassistentin Sarah und meiner Chefin Heike in eine kleine Stadt östlich Accras, nach Winneba zu fahren. Dort arbeitet Heike seit einiger Zeit daran ein Curriculum für Deutsch an der Universität zu etablieren, da es in ganz Ghana bisher nur die Möglichkeit gibt Deutsch im Drittfach zu studieren. Leider ist Heikes Tochter über Nacht wieder einmal an Malaria erkrankt. Ich hatte den Türgriff schon in der Hand, als sie mich gerade anrief um abzusagen, da sie fast die ganze Nacht im Krankenhaus verbracht hatten.
Man muss eben flexibel bleiben! Das Gute daran ist, dass ich jetzt mal wieder ein bisschen Zeit habe euch mit ein paar meiner Berichte zu füttern. Um euch kurz an meiner Situation teilhaben zu lassen: Ich sitze auf dem Balkon unseres Hauses, die Füße hochgelegt, das Laptop auf dem Schoß, die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht und so langsam oder eigentlich recht schnell erwacht meine Nachbarschaft und startet in den neuen Tag, dh die Musik läuft schon teilweise an, die Kinder schreien ringsherum, die Mutter schreit zurück, dazwischen ein paar krähende Hähne, die ebenfalls ihren Senf dazu geben wollen und das Plätschern, weil ein junger Kerl gerade in die offene Abwasserrinne am Straßenrand pinkelt. Das montone Schlappgeräusch von unzähligen umherschleifenden Flipflops untermalt das morgendliche Treiben…

Obwohl ich noch nicht mal zwei Wochen hier bin, habe ich mich schon sehr an den steten Geräuschpegel gewöhnt und hatte sogar schon den Gedanken, dass mich die Stille in Deutschland nach meiner Rückkehr wahrscheinlich erst einmal einsam fühlen lässt. Aber Rückkehr, was rede ich da; noch stehe ich ganz am Anfang dieser ereignisreichen Zeit!

Und hierzu gehören auch die ganzen Anfangsgedanken, die sich immer wieder in mein Bewusstsein schleichen. Zum Beispiel hatte ich in letzter Zeit und vor allem im Hinblick auf meinen Aufenthalt in Ghana lange überlegt, wo mich mein Hobby der Fotografie hintreibt, was ich mit meiner Kamera und meinen Bildern anstellen will, für wen ich eigentlich fotografiere, wem ich meine Bilder zeigen möchte und wie ich diese präsentieren soll. Eine gute Antwort auf all diese Fragen hab ich immer noch nicht. Aber zumindest wurde durch diese Gedankengänge die Idee dieses Blogs geboren. Damals ging es mir rein um die Fotografie und ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so viele Worte an euch richten würde. Jetzt bin ich schon wieder über mich selbst überrascht, dass meine Hände geradezu an der Tastatur meines Laptops zu kleben und die Worte nur so aus meinen Fingern zu sprudeln scheinen.

Aber es passiert ja auch einfach so viel!! Und ja, wo soll ich anfangen? Soll ich erzählen, dass ich gestern Abend ne Waschmaschine anschmeißen wollte, weil wir endlich wieder Wasser hatten? Das Wasser hier in Accra, der Hauptstadt des Landes, fließt nämlich nicht einfach so aus der Leitung. Man muss sich um einen Wassertank bemühen, welcher in unserem Fall dann Wasserhähne, Dusche und Toilette im Haus versorgt. Dieser wird aber nur 1-2 mal pro Woche aufgefüllt. Das heißt, wenn der Tank leer ist, ist er leer und ich hatte mich am späten Sonntagabend, als ich völlig verschwitzt und verdreckt vom Klettern wiederkam (ohja, nächste Geschichte) sehr gefreut, dass wir noch ein bisschen Wasser in zwei kleineren Tonnen gespeichert hatten. So konnte ich mich mit der mir in Asien liebgewonnenen Mandi-Dusche, einem Schöpfer abwaschen. Über die letzten Tage ging aber auch diese Reserve zuneige und wir verblieben schließlich komplett ohne Wasser, bis alle Tanks dann gestern endlich wieder aufgefüllt werden konnten. Ich schalte abends also endlich die komisch komplizierte, halbautomatische Waschmaschine ein und zehn Minuten später ist es auf auf einen Schlag plöztlich dunkel und nach kurzem Kinderkreischen auch ganz schnell still im Viertel. Stromsparmaßnahmen. So werden die verschiedenen Stadtteile abwechselnd und zu unterschiedlichen Zeiten abgeschaltet und ich versuche im Taschenlampenlicht das durch den Staub graufarbene Waschmittelwasser mit Hand aus meinen Klamotten zu waschen. Die speziellen Hintergründe der Sparmaßnahmen sowie die einzelnen Zeiten der Stromausfälle sind mir nicht bekannt. Es bleibt also spannend und die Taschenlampe bekommt einen Sonderplatz in meinem Zimmer. Was ich zum Thema Strom noch erwähnen möchte ist, dass Ghana mit dem Volta-See über den weltweit größten Stausee verfügt, der das ganze Land mit Elektrizität versorgen könnte. Könnte, weil nur 60% des Stroms vom Stausee kommen, da der Rest aus wirtschaftlichen Gründen in Nachbarländer exportiert wird.

Aber jetzt nochmal zurück zu meiner ersten Arbeitswoche in Accra. Soweit ich es bisher beurteilen kann läuft vieles sehr viel entspannter ab, als in Deutschland. Wenn ich beispielsweise erzähle, dass das Internet mit dem gekauften Internetstick so gut wie gar nicht zu Hause in Osu funktioniert, dann fährt man mal eben während der Arbeitszeit mit mir zum Vodafone-Center, um Alternativen zu meinem jetzigen Anbieter einzuholen – um nur eines der vielen Beispiele dafür zu erwähnen. Wie ich auch schon selbst feststellen konnte gibt es durchaus Gründe für die allgemein so entspannte Haltung. Ziemlich egal was man plant, es kann gut sein, dass etwas anderes dazwischen oder ungeahnte Schwierigkeiten und Probleme sich auftun. As I said earlier, flexibel bleiben! So bestand meine erste Aufgabe darin, die Internetseite, welche meine Vorgängerin mit einem neuen Content Management System überarbeitet hatte, zu überprüfen. Durch temporär nicht vorhandenes Internet und Softwareprobleme konnte ich Mitte der Woche am dritten PC dank meines eigenen Internetsticks dann endlich damit anfangen. Durch die lustigen Kollegen und die Consultation Hours, in denen wir ghanaische Studenten über die Studienmöglichkeiten in Deutschland und Stipendienmöglichkeiten informieren, waren die Tage trotz alledem nicht wirklich lang. Wie auch? Ich befinde mich schließlich am Äquator. Das heißt, dass es meist schon dunkel wird, wenn wir nach Hause kommen und die Motivation für die Abendgestaltung letzte Woche leider dementsprechend gering ausfiel.
Letztendlich verging die Woche dennoch wie im Flug und wie ihr an den Fotos sehen könnt hielt das Wochenende ein paar schöne Überraschungen für mich bereit.

Nächstes Mal mehr dazu, denn der Twi-Kurs ruft…

Augen auf!

Müde steige ich nach einem langen, langweiligen und ohne Internet durchaus beschwerlichen Arbeitstag aus dem vollen Tro Tro aus. Es ist nur ein kurzer Fußweg nach Hause. Es ist dunkel. Aber diese Dunkelheit ist gefüllt mit Leuten, die schwüle Luft ist angereichert mit Düften und Klängen. Ich suche die Gesichter der mir begegnenden Menschen und komme nicht umhin zu strahlen, wenn sich unsere Blicke treffen. Woher kommt dieses Strahlen, woher kommt die Energie, mit der mich ein Fremder so freundlich grüßt? ‚How are you?‘ – Sie meint mich. Ich bleibe stehen und komme mit der Frau ins Gespräch, die ihren kleinen Straßenstand nur ein paar Meter von meiner Haustür aufgebaut hat. Bald kommen Freunde von ihr hinzu. Sie versuchen mir Ga, eine weitere der vielen Sprachen beizubringen. Wir lachen gemeinsam. Ich versuche mir ihre Namen zu merken, schließlich will ich meine Nachbarn kennen lernen.
Ein paar Schritte weiter bin ich zu Hause angelangt. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss und die Geräusche der Straße dringen nur mehr gedämpft an meine Ohren. Irgendwie pervers, dieses Gefühl und das Wissen, dass ich in einem der wenigen 2-storey buildings in Kinkawe/Osu wohne, dass mich dicke Mauern von der Welt da draußen trennen, dass ich hier drinnen gefühlt ganz woanders bin und sein kann, wenn ich wollte. Lange halte ich es nicht aus. Ich gehe wieder nach draußen. Nicht weit entfernt bleibe ich stehen, um in meiner Tasche nach meinem Handy zu kramen. Eine Frau am Straßenrand ruft mir etwas zu, was ich nicht verstehe. Ich schaue sie fragend an. Eine weitere Frau hilft mit der Übersetzung. Ich solle herkommen. ‚Come here‘ – nicht das erste Mal, dass ich diese Worte zu hören bekomme und ich lächle zurück. Erst dann verstehe ich, dass sie mir helfen will, da es sich in ihrem Dämmerlicht leichter suchen lässt als in der Dunkelheit der Straße, wie sie sagt. Schnell habe ich drei weitere Namen gehört, die ich mir gerne merken würde und bin dabei ein bisschen Twi, die in Ghana wichtigste, aber leider in meinem Viertel seltener gesprochene Sprache, zu lernen. Man erklärt mir, dass ich im Dagadu-House wohne. Die Häuser tragen hier nämlich die Namen der jeweiligen Familien. Wenn ich diesen Namen im Gedächtnis behalte, können mir die 18000 Einwohner meines Viertels weiterhelfen, falls ich mal nicht nach Hause finden sollte. Schließlich gibt es hier keine Adressen und die Straßennamen sind den meisten Leuten gar nicht bekannt. Man bietet mir fried Plantain, gebratene Kochbanane an, doch ich will bald weiter, bin mit meiner Arbeitskollegin verabredet. Wiederum nur ein paar Meter weiter ist die gestern noch befahrbare Straße mit Plastikstühlen und Pavillions vollgestellt. Die großen Musikboxen dürfen nicht fehlen und mittendrin sitzt ein Junge am Computer, er ist der DJ. Die meisten Stühle sind noch leer, ein paar Kinder spielen hier und dort, rufen Obruni, Weiße, ich sage Bebeni, Schwarze und sie freuen sich. Was für ein gutes Gefühl, dass die Hautfarbe nichts mehr bedeutet als die Farbe meiner Haut!
Ich frage den Jungen am Computer, was der Anlass für den Aufbau sei. Er erklärt mir, dass jemand gestorben ist. Am heutigen, dem ersten Abend der Zeremonie werden langsame Lieder gespielt. Die Menschen kommen zusammen. Sie kleiden sich in schwarz und rot, schwarz als Zeichen der Trauer und rot, um zu zeigen, dass man jemand Geliebtes verloren hat. Am zweiten Abend wird dann gefeiert, die Menschen kleiden sich in weiß und die Beerdigung wird zum Fest. Es sei denn der Verstorbene war über 80 Jahre alt, dann wird nicht getrauert, sondern nur in weiß gefeiert, da sie der Meinung sind, dass derjenige sein Leben voll gelebt hat. So hat man es mir erklärt. Eine schöne Sicht der Dinge, wie ich finde.
Schließlich gehe ich weiter, treffe mich mit Rebecca und ihren zwei Nichten, wir essen Kebab und haben einen schönen Abend.

Was man nicht alles zu sehen und hören bekommt, wenn man auch unterwegs mal wieder lernt die Augen zu öffnen und dem Leben ins Gesicht zu blicken…

Akwaaba

Liebe Leute,

es freut mich, dass ihr meine Worte lesen und meinen Geschichten lauschen wollt! Also Akwaaba, herzlich Willkommen in meinem Blog. Irgendwie eine komische Vorstellung, dass ich diese Zeilen von meinem kleinen Bett in meinem feinen Zimmer in einem kleinen Häuschen im mehr als lebhaften Stadtviertel Osu aus der wuseligen Ghanaischen Hauptstadt Accra an euch in die Ferne richte…

Aber Gedankensprung: Ich bin gut gelandet und mittlerweile gefühlsmäßig sogar schon ein bisschen hier in Accra angekommen. Bin ich auch erst sechs Tage hier, so falle ich doch jeden Abend erschöpft ins Bett, schlafe tief und träume unglaublich viel. Die vielen Eindrücke wollen verdaut werden und ich könnte Seitenweise darüber berichten.
Also, here we go!

Felix, mein Ghanaischer Arbeitskollege im DAAD Informationszentrum rief mich noch kurz vor Abflug in Deutschland an, um mir mitzuteilen, dass er mich trotz der unchristlichen Ankunftszeit um 05:00 am Flughafen abholen werde. Erleichterung, schließlich bin ich noch nie so unvorbereitet in ein fremdes Land geflogen. Zu meiner Verteidigung: das 10-tägige, unglaublich intensive kulturweit-Vorbereitungsseminar ließ uns auch wirklich keine einzige freie Minute, um den Reiseführer vor Abflug zumindest auch nur mal kurz aufgeschlagen zu haben. Felix bewahrte mich also vor der Situation ohne jegliche lokalen Sprachkenntnisse, ohne Orientierung und ohne Verständnis für den Wert des Ghana Cedi wie ein bescheuerter Tourist am Flughafen aufzulaufen. Thanks again Felix! Vor allem, da das reservierte und mit Fußballschuhen bereits angezahlte Zimmer anscheinend doch nicht frei geworden ist und demnach schnell eine alternative Bleibe her musste. Adwoa, die Mutter von Francis, einem Freund von Felix erklärte sich bereit, mich aufzunehmen. Nachdem ich meine Sachen dort abgelegt hatte, ging es über einige Umwege auch schon ins DAAD Office. Man bemerke, ich hatte schon über 24h lang nicht mehr ordentlich geschlafen. Heike, meine deutsche Chefin, begrüßte mich herzlich und gab mir eine kurze Einweisung. Dann durfte ich auch schon ne Stunde lang am Kopierer stehen. Das Mittagessen hat mich aber wieder wachgemacht, denn die Ghanaische Küche ist echt megalecker und auch gut würzig bis scharf. Da ich von Heike erfuhr, dass meine Unterkunft bei der Großmutter Adwoa durchaus suboptimal sei, da es außerhalb gelegen ist und sie nicht möchte, dass ich abends alleine mit dem Taxi dorthin fahre, bin ich vom DAAD direkt noch ins Stadtviertel Osu gefahren, um mir mein jetziges Zimmer anzusehen. Zurück zu Adwoa gings dann zum ersten Mal mit einem der Tro Tros, einem klapprigen, günstigen und durchaus kontaktfördernden Minibus eines nahezu undurchschaubaren städtischen Transportsystems. Auf der Fahrt bin ich bestimmt zehnmal eingenickt – ein Wunder also, dass ich die Wege gefunden und es letztendlich wieder zu Adwoa geschafft habe. Dort angekommen habe ich dann erstmal geschlafen und geschlafen und geschlafen. Am nächsten Tag wollte ich eigentlich direkt nach Osu umziehen, doch konnte ich die Schlüssel fürs neue Zimmer erst am Nachmittag bekommen. Weil Adwoa nicht wollte, dass ich alleine auf die Straße gehe, sie aber zu schwach war, um mit mir zu gehen, bin ich gezwungenermaßen endlich mal ein bisschen zur Ruhe gekommen, habe mich in Twi, einer der über 40 anerkannten Ghanaischen Sprachen geübt und mit ihr in der Küche gesessen um kochen zu lernen. Sie hat mich gelobt und die Suppe war fein. Viele viele Zwiebeln, Tomaten, Yam, Fisch und Fleisch. Von Draußen hörte man Trubel und heiteres Treiben. Es kitzelte und zog mich hinaus, aber nein, geduldiges Warten auf den Umzug.

Wenn ich meine bisherigen Auslandserfahrungen mit je einem Wort beschreiben sollte, so würde ich sagen, dass die USA mich auf jeden Fall in Toleranz gelehrt haben, Asien im Abenteurertum, Australien im Durchhaltevermögen und ich mich in Afrika jetzt schon sehr in Geduld üben durfte.

Einen geduldigen Mittagsschlaf später kam also die Nachricht, dass die Straße nach Accra gesperrt sei. Die Ga, eine Volksgruppe in dieser Region feiert Homowo, eine Art Erntedankfest, ich könne also erst am nächsten Morgen umziehen. Auf mein Nachfragen hin erklärte sich der schüchterne Fancis bereit eine Runde mit mir hinaus zu gehen. Ziemlich flott lief er voraus, so dass ich Mühe hatte hinterher zu kommen. Als die Runde vorbei war, wollte ich gerne noch alleine draußen bleiben. Nur bis zur Kreuzung, riet er mir und auch da wurde ich direkt von einer jungen Frau angesprochen, dass ich besser nicht weiter in die Menschenmenge hineingehen sollte. Brav ging ich bei Sonnenuntergang also zurück ins Haus und weil mir nach einer halben Stunde ghanaischen Fernsehens mit Francis und Adwoa wegen der quietschigen Farben und dynamischen Werbespots fast schwindlig geworden ist, bin ich aus Langeweile wieder früh ins Bett gegangen. Über Nacht bekam ich dann nacheinander mehrere SMS von Fancis, der um 01:30 fragte, ob ich noch schlafen würde. Er ist wohl doch noch zum Homowo gegangen. Die Situation, die betretene Stille, als er sich am nächsten Morgen zu Adwoa und mir zum Frühstück gesellte, war einfach herrlich. Francis ist schon Mitte 30, müsst ihr wissen und ich glaube er war mir sehr dankbar, dass ich ihn nicht vor seiner Mutter auf das gestrige Fest angesprochen habe…

Wie war das noch, der Mensch hat zwei Ohren zum doppelt hinhören, zwei Augen zum doppelt hinsehen und nur einen Mund zum sprechen. Ich habe die ersten Tage also viel zugehört, mich zurückgehalten und viel beobachtet. So zum Beispiel den strengen Umgang von Adwoa mit den Kindern ihrer Haushälterin, welche mit sieben und zwei Jahren versuchten, den Job ihrer Mutter zu übernehmen, da diese für ein paar Tage einem anderen Job nachging…

Nach dem Frühstück bin ich jedenfalls nach Osu, Downtown Accra umgezogen und beim ersten Stadtspaziergang wurde mir immer klarer, dass Ghana nunmal nicht Indonesien ist und dass ich auch dort nur eine knappe Stunde in der Hauptstadt Jakarta verweilen wollte. Ich werde also die nächsten sechs Monate in einer 2,5 Millionen-Stadt verbringen, einer ghanaischen 2,5 Millionen-Stadt. Für jeden, der noch nie in einer solchen Großstadt war, müsste ich hier wahrscheinlich eine Multimediainstallation erstellen. Von dem was ich bisher gesehen habe, kann ich sagen, es gibt in Accra einfach alles! Und davon unglaublich viel!! Viele viele Menschen, Kinder, Händler, Musik aus allen Ecken, Lärm, viele Tiere,Katzen, Hunde, kleine Hütten, große Häuser, Müll, Autos, Tro Tros, ein paar wenige Fahrräder, eine leider nur wenig genutzte Beachfront, Märkte mit allem, was das Herz begehrt, Essenstände, wohl sortierte Supermärkte, diverse Düfte, ein wenig Gestank, uvm. Da sich all das selbst im innersten Zentrum der Stadt total miteinander vermischt, wirkt Accra auf den zweiten Blick irgendwie sympathisch, auch wenn ich zugeben muss, dass ich allgemein einfach kein Großstadtkind bin und von der unglaublichen Masse und Vielfalt der Eindrücke zunächst doch ein bisschen kulturgeschockt war.

Ein paar Highlights der ereignisreichen letzten Tage waren auf jeden Fall die vielen Begegnungen mit freundlichen und hilfsbereiten Leuten, die unterschiedlichen Handshakes, bei denen auf coolste Art und Weise eingeschlagen, gecheckt und geschnippst wird, die vielen Löcher und offenen Abwasserkanäle neben den Straßen, bei denen ich nur darauf warte, bald mal hineinzufallen, die laute Musik, die einen schon mal mit hämmerndem Bass in den Schlaf begleitet und früh morgens wieder aus den Federn schmeißt, das Trinkwasser aus Plastikbeuteln und das unglaublich leckere Essen. Aber auch hier ist Vorsicht angesagt. Die Cholera hat in den letzten Monaten wohl einige hunderte Menschenleben gefordert. Deswegen empfiehlt es sich momentan eher nicht von den vielen interessanten Straßenständen zu essen, leider…

Was es noch zu sagen gibt ist, dass ich mir mit Sabrina und Christian, zwei Praktikanten des Goethe-Instituts ein feines Häuschen teile. Dass dieses Haus ganz zentral in Osu/Kinkawe liegt, erklärt den kleinen Kulturschock zu Beginn, denn eine Arbeitskollegin und Nachbarin hat mir heute erklärt, dass sie in Osu groß geworden ist und dieser Stadtteil zu den Ghettos der Stadt zählt. Es ist also immer was los auf den schmalen Straßen, es wird gekocht, gegessen, gespielt, geschlafen und wir sind mitten drin. Daher empfinde ich es nicht unbedingt als störend zu Hause in der sogenannten deutschen Blase zu sein. Schließlich sind Sabrina und Christian ganz locker und ich bin eigentlich eh nur zum Schlafen zu Hause. Tagsüber habe ich viel mit ghanaischen Studenten und Kollegen zu tun. Die Arbeitsatmosphäre im DAAD ist total entspannt und Felix, mein Kollege und Ansprechpartner ist sehr engagiert mich in alle Arbeits- und Lebenslagen einzuweisen. Hierzu gehören die Geheimtipps, wie der beste Kokosnussstand und die geröstete Kochbanane mit Erdnüssen am Straßenrand (gegrillte Sachen sind Cholera-safe), der günstigste Internet- und Handyanbieter, sowie die anstehenden Projekte und Aufgaben im Office.

Wie ihr seht geht es mir sehr gut und ich bin selbst erstaunt, wie schnell man sich an andere Lebensumstände und einen neuen Alltag gewöhnen kann.

Jetzt aber endlich genug der Worte. Auf bald!